Lenis Traumwelt
Leni, Luna und der kleine Holzhund Kuno sitzen im warmen Mondlicht vor einer halbfertigen Brücke aus bunten Bauklötzen, während ein goldener Schlussstein für den nächsten Morgen bereitliegt.

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Leni und die Morgenbrücke im Bauklotzland

An diesem Abend baute Leni auf dem Teppich eine Brücke.

Zwei rote Klötze standen links. Zwei blaue Klötze standen rechts. Darüber wollte Leni einen goldenen Bogen legen. Doch jedes Mal, wenn sie ihn vorsichtig anhob, machte es klack, klack, rumpel. Dann lagen alle Steine wieder auf dem Teppich.

„Nur noch einmal“, murmelte Leni.

Sie stellte die roten Klötze auf. Sie stellte die blauen Klötze auf. Sie hielt den goldenen Bogen darüber.

Klack, klack, rumpel.

Vom Flur kam Mamas sanfte Stimme. „Leni, es ist Schlafenszeit. Morgen kannst du weiterbauen.“

Leni sah die verstreuten Klötze an. Morgen fühlte sich sehr weit weg an.

„Aber die Brücke ist noch nicht fertig“, sagte sie leise.

Da wurde ihr Traumstern auf dem Nachttisch warm. Ein goldener Lichtpunkt sprang auf den Teppich, hüpfte über einen roten Klotz und verschwand in der Spielzeugkiste.

Aus der Kiste hörte Leni ein winziges Klopfen.

Tok. Tok. Tok.

Sie hob den Deckel. Zwischen Bauklötzen, Murmeln und einem Wollknäuel saß Luna, der kleine Sternenhase. Sein weißes Fell leuchtete, und um seinen Hals trug er seinen lila Sternenschal.

„Kommst du mit ins Bauklotzland?“, fragte Luna. „Dort möchte jemand unbedingt fertig werden.“

Leni nahm ihren Traumstern. Sofort wurden sie und Luna klein wie Spielfiguren. Die Wände der Spielzeugkiste wuchsen zu hohen Holzhügeln. Bunte Klötze lagen wie Häuser und Türme ringsum. Eine Murmel schimmerte in der Ferne wie ein runder See.

Mitten durch das Land führte ein schmaler Weg aus flachen Holzplättchen. Er endete an einem sanften Spalt im Teppich. Darüber stand eine Brücke aus grünen, roten und honigfarbenen Klötzen.

Fast jedenfalls.

In der Mitte fehlte ein Stück.

Vor der Brücke lief ein kleiner Holzhund hin und her. Er hatte Schlappohren, eine runde schwarze Nase und einen blauen Werkzeuggürtel. Auf dem Gürtel waren ein Bleistift, ein Maßband und ein winziger Holzhammer gemalt.

„Ich bin Kuno“, sagte er. „Baumeister Kuno. Und ich darf noch nicht schlafen.“

„Warum nicht?“, fragte Leni.

Kuno zeigte auf die Lücke. „Weil eine Brücke fertig sein muss. Das steht bestimmt in jedem Baumeisterbuch.“

Neben ihm lagen drei Klötze: ein langer gelber, ein kleiner violetter und ein goldener Bogen.

Luna schnupperte daran. „Vielleicht passt der Bogen.“

Kuno schob ihn in die Lücke. Er drückte links. Er drückte rechts. Er klopfte mit dem Holzhammer darauf.

Tok. Tok. Tok.

Der Bogen wackelte. Ein grüner Stein kippte um. Dann rutschten zwei rote hinterher.

Klack, klack, rumpel.

Kuno ließ die Ohren hängen. „Jetzt ist sie noch weniger fertig.“

Leni kniete sich zu den Steinen. „Das ist mir heute auch passiert.“

Gemeinsam bauten sie die roten Klötze wieder auf. Luna hielt einen grünen Stein mit beiden Pfoten fest. Kuno setzte den goldenen Bogen darüber.

„Ganz schnell, bevor er wieder fällt“, sagte Kuno.

Er klopfte.

Toktoktoktok!

Der Bogen hüpfte. Luna sprang zur Seite. Die Brücke fiel wieder auseinander.

Klack, klack, rumpel.

Diesmal rollte der kleine violette Klotz bis an den Murmelsee.

Kuno sauste hinterher. „Wir haben keine Zeit zu verlieren!“

„Warum nicht?“, fragte Luna und hoppelte ihm nach.

Kuno blickte nach oben. Durch einen Spalt im Deckel der Spielzeugkiste fiel ein heller Mondstrahl. Er wanderte ganz langsam über die Holzhügel.

„Wenn der Mondstrahl fort ist, beginnt die Schlafenszeit im Bauklotzland“, erklärte Kuno. „Dann klappen alle Spielzeugkisten ihre Deckel zu. Und meine Brücke wäre über Nacht unfertig.“

Er sprach das letzte Wort so leise aus, als wäre es etwas Schlimmes.

Leni hob den violetten Klotz auf. „Was passiert mit einer unfertigen Brücke in der Nacht?“

Kuno dachte nach. „Vielleicht schämt sie sich.“

Luna legte ein Ohr an einen roten Stein. „Ich höre nichts.“

Kuno legte ebenfalls ein Ohr daran.

Der Stein war still.

„Vielleicht wird sie traurig“, sagte Kuno.

Leni strich über den glatten goldenen Bogen. „Er fühlt sich nur ein bisschen warm an.“

„Vielleicht läuft die Brücke davon“, überlegte Kuno.

Luna betrachtete die vielen eckigen Klötze. „Dafür hat sie sehr wenige Beine.“

Kuno musste lächeln. Aber nur kurz. Dann sah er wieder zum wandernden Mondstrahl.

„Wir müssen weiterbauen.“

Sie probierten den langen gelben Klotz. Er war zu breit.

Sie probierten den kleinen violetten. Er fiel durch die Lücke.

Sie drehten den goldenen Bogen um. Nun sah er aus wie eine Schale, passte aber noch immer nicht.

Mit jedem Versuch wurden Kunos Bewegungen schneller. Sein Maßband verhedderte sich um seine Pfoten. Sein Bleistift fiel aus dem Gürtel. Sogar seine gemalten Augenbrauen sahen müde aus.

Leni gähnte. Luna gähnte ebenfalls, so weit, dass sein Sternenschal zitterte.

Nur Kuno sagte: „Noch einmal.“

Da brummte es hinter einem großen braunen Klotz.

„Wer so oft noch einmal sagt, braucht manchmal zuerst eine Pause.“

Bruno kam langsam hervor. Der Sternenbär trug seine lila Sternenmütze und eine zusammengerollte Decke unter dem Arm. Mit seinen großen warmen Tatzen hob er einen umgefallenen Pfeiler auf und stellte ihn behutsam zurück.

„Aber Pausen machen nichts fertig“, sagte Kuno.

„Das stimmt“, antwortete Bruno. „Sie machen auch nichts kaputt.“

Er breitete die Decke neben der Brücke aus. Sie war dunkelblau und mit kleinen goldenen Sternen bestickt.

„Nur drei ruhige Atemzüge“, schlug Leni vor. „Danach schauen wir noch einmal.“

Kuno setzte sich an den äußersten Rand der Decke. Seine Pfoten blieben dicht bei seinem Werkzeug.

Beim ersten Atemzug hörten sie die Murmel ganz leise über ihren runden See rollen.

Beim zweiten Atemzug roch Leni das Holz. Es duftete warm und ein bisschen nach dem Schrank in ihrem Kinderzimmer.

Beim dritten Atemzug glitt der Mondstrahl über die halbe Brücke. Durch die Lücke fiel ein goldener Lichtbogen auf die Decke.

Kuno öffnete die Augen.

„Seht mal“, flüsterte er.

Der Schatten der unfertigen Brücke sah aus wie ein kleines Haus mit einem runden Fenster. Luna setzte sich hinein. Seine langen Ohren ragten durch den Lichtbogen.

„Gemütlich“, sagte er.

Bruno setzte sich daneben. „Die Brücke kann sogar etwas Schönes sein, während sie noch wächst.“

Kuno betrachtete sein Bauwerk. Zum ersten Mal sah er nicht nur die Lücke. Er sah die kräftigen Pfeiler, die er schon gebaut hatte. Er sah die Farben, die sich abwechselten. Er sah den ruhigen Bogen aus Mondlicht darunter.

„Der linke Turm ist besonders gerade“, sagte Leni.

„Und der grüne Stein trägt schon drei andere“, bemerkte Luna.

Kuno strich stolz über seinen Werkzeuggürtel. „Das habe ich heute geschafft.“

Der Mondstrahl wanderte weiter. Im Bauklotzland wurden nach und nach die Lichter klein. Eine Spielzeugtrommel legte ihre Schlägel zur Seite. Zwei Stoffbälle rollten dicht zusammen. Vom anderen Ende der Kiste klappte leise ein Puppenhausfenster zu.

Kuno blickte auf den goldenen Bogen. „Aber was machen wir mit dem letzten Stück?“

Leni nahm sein Maßband. Gemeinsam maßen sie die Lücke, ganz langsam und ohne zu klopfen.

„Der Bogen ist genau richtig breit“, sagte Kuno erstaunt.

„Dann passt vielleicht nicht der Bogen falsch“, meinte Leni. „Vielleicht braucht morgen einer der Steine darunter einen anderen Platz.“

Kuno sah die Pfeiler an. Seine Augen waren jetzt zu müde, um die vielen Kanten gut zu unterscheiden.

Bruno rollte eine Ecke der Decke zu einem Kissen. „Frische Morgenaugen erkennen manchmal, was müde Nachtaugen übersehen.“

Kuno legte den goldenen Bogen neben die Brücke. Dann nahm er seinen Bleistift und malte auf ein kleines Holzplättchen:

MORGEN BAUEN WIR WEITER.

Luna stellte das Schild vor die Lücke.

„Ist sie jetzt eine Morgenbrücke?“, fragte er.

Kuno nickte langsam. „Heute ist sie halb fertig. Morgen darf sie weiterwachsen.“

Sie krochen gemeinsam unter den Lichtbogen, den die Lücke auf Brunos Decke malte. Kuno legte den Werkzeuggürtel neben sich. Zum ersten Mal an diesem Abend waren seine Pfoten ganz still.

„Gute Nacht, linker Pfeiler“, murmelte er.

„Gute Nacht, rechter Pfeiler.“

Er legte eine Pfote auf den goldenen Bogen.

„Gute Nacht, letztes Stück. Wir sehen uns morgen.“

Luna kuschelte sein weiches Ohr unter Kunos Kopf. Bruno deckte alle mit dem Sternenrand zu. Leni hielt den Traumstern in der Hand, bis sein Licht klein und ruhig wurde.

Kein Klotz schämte sich.

Kein Pfeiler wurde traurig.

Und die Brücke lief auch nicht davon.

Sie stand einfach da und ruhte.

Am nächsten Morgen fiel ein heller Sonnenstrahl in die Spielzeugkiste. Kuno blinzelte, streckte die Pfoten und sah zur Brücke.

„Oh“, sagte er.

Nun erkannte er es sofort. Ein roter Klotz unter dem linken Pfeiler lag quer. Kuno drehte ihn längs. Luna hielt den grünen Stein fest. Leni setzte den goldenen Bogen in die Mitte.

Er passte.

Ganz ohne Hämmern. Ganz ohne Eile.

Kuno ging einmal über die Brücke. Dann noch einmal. Sie blieb fest stehen.

„Fertig!“, rief er. Danach strich er liebevoll über das kleine Schild. „Und die Pause hat mitgebaut.“

Kurz darauf saß Leni wieder auf ihrem Teppich. Vor ihr lagen die roten und blauen Klötze und der goldene Bogen.

Sie sah sofort, dass ein blauer Klotz auf der falschen Seite stand. Doch ihre Augen waren schwer.

Leni legte den goldenen Bogen neben die halbe Brücke. Auf einen kleinen Zettel schrieb sie:

MORGEN BAUE ICH WEITER.

Dann ging sie ins Bett.

Im Mondlicht warf ihre unfertige Brücke einen runden Schatten auf den Teppich. Vielleicht war er ein Fenster. Vielleicht war er ein kleines Haus. Vielleicht war er einfach nur eine Lücke, die bis morgen warten durfte.

Leni kuschelte sich in ihr Kissen.

„Gute Nacht, Morgenbrücke“, flüsterte sie.

Die Bauklötze blieben still und sicher stehen.

Und während Lenis Augen zufielen, ruhte im Kinderzimmer alles, was heute schon gewachsen war, neben allem, was morgen weiterwachsen durfte.

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