
Leni und das letzte Bild im Nachtkino
An diesem Abend wollte Leni noch nicht, dass der Tag zu Ende ging.
Er war so schön gewesen. Am Morgen hatte sie eine Wolke gesehen, die wie ein dicker Pudding aussah. Mittags war ein Marienkäfer auf ihrer Hand gelandet. Und am Nachmittag hatte sie mit Kreide einen riesigen Stern vor die Haustür gemalt.
Nun lag Leni im Bett. Draußen wurde der Himmel dunkler, und im Zimmer verschwanden langsam die Farben.
„Schade“, flüsterte sie. „Jetzt ist alles vorbei.“
Da huschte ein heller Fleck über die Wand.
Flirr.
Noch einer folgte.
Flirr-flirr.
Auf Lenis Zimmerdecke erschien plötzlich ein kleines Bild. Darauf lief ein Marienkäfer über eine Kinderhand. Das Bild wackelte kurz, wurde blass und verschwand.
Leni setzte sich auf.
Vor ihrem Fenster flatterte ein winziger Nachtfalter. Seine Flügel waren cremefarben und violett gemustert. Um den Hals trug er eine goldene Schleife, und auf dem Rücken schleppte er eine runde Filmrolle, die beinahe so groß war wie er selbst.
„Entschuldigung“, piepste er. „Das Bild ist mir herausgerutscht.“
Leni öffnete das Fenster. „War das mein Marienkäfer?“
Der Nachtfalter nickte. „Ich heiße Flori. Ich sammle heute die letzten Bilder des Tages für das Nachtkino. Aber ich kann den Film nicht beenden.“
In diesem Moment wurde Lenis Traumstern warm. Sein goldenes Leuchten floss über die Fensterbank und bildete draußen eine breite, weiche Lichtstufe.
Darauf saß Bruno, der Sternenbär. Sein braunes Fell glänzte im Mondlicht, und seine lila Sternenmütze war ein wenig über ein Ohr gerutscht. Unter dem Arm trug er eine zusammengerollte Decke.
„Ein Nachtkino klingt gemütlich“, sagte Bruno. „Aber ein Film, der nicht enden kann, klingt ziemlich lang.“
Flori ließ die Fühler hängen. „Er ist schon sehr, sehr lang.“
Leni nahm ihren Traumstern und schlüpfte in ihr lila Sternenjäckchen. Dann stieg sie zu Bruno auf die Lichtstufe. Flori flatterte voraus.
Der Weg führte über die schlafenden Dächer, an einem Turm mit einer gähnenden Uhr vorbei und bis zu einem runden Platz zwischen zwei Hügeln.
Dort lag das Nachtkino.
Es hatte kein Dach. Die Sterne waren seine Decke. Eine große Leinwand spannte sich zwischen zwei silbernen Birken. Davor standen weiche Moossessel in ordentlichen Reihen. Kleine Lampen aus Nussschalen leuchteten am Boden. Ganz hinten befand sich ein hölzernes Häuschen mit einem runden Fenster. Darin schnurrte ein goldener Bildwerfer.
Auf den Sesseln saßen schläfrige Gäste. Eine Mäusefamilie teilte sich eine Decke. Zwei Igel kuschelten sich aneinander. Eine kleine Eule blinzelte so langsam, dass ihre Augen fast geschlossen blieben.
Auf der Leinwand rollte gerade ein roter Ball über eine Sommerwiese.
Dann kam ein Bild von Regentropfen auf einer Scheibe.
Danach sah man einen dampfenden Becher, einen gelben Gummistiefel und drei Seifenblasen.
„Sind das alles Bilder von heute?“, fragte Leni.
„Ja“, sagte Flori. „Am Abend sammle ich die schönsten kleinen Augenblicke. Dann zeige ich sie noch einmal, bevor alle schlafen gehen.“
„Das ist eine wunderbare Aufgabe“, sagte Bruno.
Flori lächelte kurz. Doch gleich darauf flatterte er nervös zum Bildwerfer.
Die Filmrolle drehte sich und drehte sich. Ihr Ende lag lose auf dem Boden. Daneben stand eine Kiste voller weiterer Bildstreifen.
Flori griff hinein und zog einen neuen Streifen heraus.
„Hier! Eine Pfütze mit einem Himmel darin. Die müssen wir noch zeigen.“
Er klebte den Streifen an den Film.
Auf der Leinwand erschien die Pfütze.
„Und dieser Löffel, der beim Frühstück heruntergefallen ist“, sagte Flori. „Er hat so lustig geklingelt.“
Auch dieses Bild klebte er an.
Kling!
Der Löffel fiel auf der Leinwand zu Boden.
Die kleine Eule im Publikum schreckte auf. „Ist der Film jetzt zu Ende?“
„Noch lange nicht!“, rief Flori. „Uns fehlt noch eine blaue Socke, eine schiefe Sandburg und ein besonders rundes Brot.“
Die Mäusemutter gähnte. Einer der Igel war bereits in seinem Schal eingeschlafen.
Bruno stellte seine Decke ab und sah Flori freundlich an. „Woran merkst du normalerweise, dass der Film fertig ist?“
Flori zeigte auf eine leere Stelle am Ende der Rolle. „Dort sollte das letzte Bild sein. Danach schalte ich den Bildwerfer aus. Die Gäste gehen nach Hause, und die Leinwand wird dunkel.“
„Welches Bild kommt heute zuletzt?“, fragte Leni.
Flori wurde ganz still.
„Keines“, sagte er schließlich.
„Keines?“
„Wenn ich immer noch ein Bild finde, muss der Tag noch ein bisschen bleiben.“ Flori strich mit einem Fühler über die Filmrolle. „Sobald das letzte Bild vorbei ist, ist heute weg. Dann kann ich es nicht mehr sehen.“
Nun verstand Leni. Sie dachte an ihre Puddingwolke, den Marienkäfer und den Kreidestern.
„Ich wollte auch nicht, dass der Tag endet“, sagte sie leise.
Flori blickte sie an. „Dann weißt du ja, warum der Film weiterlaufen muss.“
Leni nickte erst. Dann sah sie zu den müden Kinogästen. Die Mäusekinder lagen schon zusammengerollt in ihren Sitzen. Die Eule hielt mit einem Flügel ihre Augen offen. Selbst der goldene Bildwerfer schnurrte nur noch ganz schwach.
Bruno setzte sich auf einen Moossessel. „Darf ich euch etwas zeigen?“
Er nahm seine große Decke und breitete sie über Leni und Flori. Unter der Decke war es dunkel, warm und still.
„Seht ihr noch das Nachtkino?“, fragte er.
„Nein“, sagte Flori.
„Seht ihr die Pfütze, den Löffel oder den roten Ball?“
„Nein.“
„Und sind sie deshalb verschwunden?“
Flori dachte nach. „Der rote Ball ist noch auf der Wiese. Der Löffel liegt wieder auf dem Tisch. Und die Pfütze wartet bestimmt auf den Mond.“
Leni schloss die Augen. Unter der Decke sah sie plötzlich den Marienkäfer ganz deutlich vor sich. Sie erinnerte sich, wie seine winzigen Füße über ihre Haut gekrabbelt waren.
„Manche Bilder kann man sogar im Dunkeln sehen“, sagte sie.
Flori schloss ebenfalls die Augen.
„Ich sehe das runde Brot“, flüsterte er. „Es hatte einen kleinen Mehlstern auf der Kruste.“
Bruno hob die Decke wieder an. „Erinnerungen brauchen keinen Bildwerfer. Sie tragen ihr Licht innen.“
Flori sah zur Leinwand. Dort hüpfte noch immer die blaue Socke durch ein Wohnzimmer.
„Aber wie finde ich das letzte Bild?“, fragte er.
Leni blickte über den Kinoplatz. Hinter der Leinwand sank ein schmaler goldener Streifen zwischen die Hügel. Darüber wurde der Himmel dunkelblau. Der erste Abendstern erschien.
„Vielleicht müssen wir es nicht in der Kiste suchen“, sagte sie.
Sie nahm Floris Hand und führte ihn vor die Leinwand. Bruno folgte mit seiner Decke.
Gemeinsam sahen sie zum Himmel.
Das Gold am Horizont wurde kleiner. Eine Wolke färbte sich rosa, dann lila und schließlich silbergrau. Der Mond hob sich hinter einer Birke empor. Sein Licht berührte die weiße Leinwand.
Für einen Moment zeigte sie kein Bild von einem Bildwerfer.
Sie zeigte nur den Schatten der Birkenzweige, einen runden Mondfleck und drei langsam tanzende Falter.
Flori hielt den Atem an. „Das ist wunderschön.“
„Es ist das letzte Bild des Tages“, sagte Leni. „Und gleichzeitig das erste Bild der Nacht.“
Flori schaute sehr lange hin. Dann flatterte er zurück zum Häuschen.
Er nahm keinen neuen Streifen aus der Kiste. Stattdessen malte er mit einem goldenen Stift einen kleinen Mond an das Ende der Filmrolle.
„Bereit?“, fragte er das Publikum.
Die Mäuse hoben müde die Köpfe. Die kleine Eule blinzelte. Die Igel rückten näher zusammen.
Auf der Leinwand erschien noch einmal die schiefe Sandburg. Eine Welle strich sanft um ihre Türme. Danach folgte das runde Brot mit dem Mehlstern. Dann kam Lenis Marienkäfer. Er öffnete seine roten Flügel und flog in einen goldenen Himmel.
Ganz zuletzt erschien der kleine gemalte Mond.
Er wurde größer und größer, bis die ganze Leinwand in warmem Silber leuchtete.
Flori legte beide Flügel auf den Schalter.
„Gute Nacht, lieber Tag“, sagte er.
Klick.
Der Bildwerfer verstummte.
Die Leinwand wurde dunkel.
Doch niemand erschrak.
Über ihnen funkelten unzählige Sterne. Der echte Mond stand genau dort, wo eben der gemalte gewesen war. Die Nussschalenlampen leuchteten wie kleine, goldene Punkte am Weg.
„Das Nachtkino ist ja gar nicht leer, wenn der Film vorbei ist“, staunte Flori.
„Nein“, sagte Leni. „Jetzt zeigt der Himmel seinen Film.“
Bruno schüttelte seine große Decke aus. Sie wurde breiter und breiter, bis sie über der ersten Sesselreihe lag. Die Mäuse kuschelten sich darunter. Die Igel bekamen eine warme Ecke. Die kleine Eule schob ihren Kopf unter den weichen Rand.
Flori räumte die Kiste nicht mehr aus. Er wickelte das Ende der Filmrolle ordentlich auf und legte sie in ein rundes Fach.
„Bleiben die Bilder dort, auch wenn das Häuschen dunkel ist?“, fragte er.
„Bestimmt“, sagte Leni. „Und morgen kommen neue dazu.“
Flori löschte eine Nussschalenlampe nach der anderen.
Bei jeder Lampe nannte er einen Augenblick, den er behalten wollte.
„Das Brot mit dem Mehlstern.“
Puff.
„Die Pfütze mit dem Himmel.“
Puff.
„Der Marienkäfer auf Lenis Hand.“
Puff.
Als nur noch eine Lampe brannte, gähnte Flori so weit, dass seine Fühler wackelten.
„Und das letzte Bild im Nachtkino“, murmelte er.
Puff.
Nun war der Platz ganz still. Flori kuschelte sich in eine Falte von Brunos Decke. Seine Flügel klappten weich zusammen.
Leni legte sich daneben. Sie sah noch einmal zum Himmel und dachte an den schönen Tag.
Er war nicht weg.
Er ruhte nur, genau wie die Filmrolle, die Kinogäste und der kleine Nachtfalter.
Der Mond malte einen silbernen Fleck auf die dunkle Leinwand. Ein Blatt löste sich von der Birke und segelte langsam hindurch, als wäre es ein allerletzter Gruß.
Bruno brummte leise: „Jedes Ende macht ein gemütliches Plätzchen für etwas Neues.“
Leni lächelte. Ihr Traumstern wurde kleiner und dunkler, bis er nur noch wie ein warmer Punkt in ihrer Hand glomm.
Und während über ihnen der leise Himmelsfilm weiterzog, schlossen Leni und Flori die Augen.
Das Nachtkino schlief.
Und der schöne Tag schlief sicher in ihnen mit.
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