Lenis Traumwelt
Leni töpfert mit Luna, Fina, Bruno, Pipo und dem kleinen Maulwurf Momo in einem warm leuchtenden Töpfernest schimmernde Mondschalen unter dem Sternenhimmel.

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Leni und die Mondschalen im Töpfernest

An diesem Abend hatte Leni ihre Hände schon unter die Decke gesteckt, als etwas ganz leise an ihr Fenster klopfte.

Plipp. Plapp. Plupp.

Leni öffnete die Augen. Auf der Scheibe saßen drei runde, lilafarbene Flecken. Der erste sah aus wie ein Mond. Der zweite wie eine kleine Schale. Der dritte rutschte langsam am Glas hinunter.

„Das ist ja Ton“, flüsterte Leni.

Da klopfte es wieder.

Vor dem Fenster schwebte Luna auf einer kleinen Wolke. Der weiße Sternenhase trug seinen lila Schal, doch heute hing an einem seiner langen Ohren ein Klecks blauer Ton. Neben ihm stand Fina, der orangefarbene Sternenfuchs. Bruno wartete mit seiner gemütlichen Sternenmütze auf einer breiten Wolkenstufe. Pipo flatterte darüber und schüttelte winzige Tontropfen von seinen bunten Flügeln.

„Guten Abend, Leni“, sagte Luna. „Im Töpfernest braucht jemand Hilfe.“

„Und zwar noch vor dem letzten Mondstrahl“, ergänzte Fina.

Leni schlüpfte in ihr lila Sternen-Outfit und nahm ihren funkelnden Traumstern. „Dann sollten wir keine Zeit verlieren.“

Sie kletterte auf die Wolkenstufe. Gemeinsam glitten die Freunde über die Dächer, an schläfrigen Schornsteinen und stillen Fenstern vorbei. Bald lag die Stadt hinter ihnen.

Vor ihnen erhob sich ein runder Hügel. In seiner Seite leuchteten kleine Fenster wie goldene Knöpfe. Auf dem Dach standen krumme Schornsteine aus Ton. Aus jedem stieg eine andersfarbige Dampfwolke: rosa, türkis, honiggelb und lavendelblau.

Über der Tür hing ein Schild. Darauf war eine Schale gemalt, in der ein winziger Mond schlief.

„Das Töpfernest“, sagte Bruno mit seinem ruhigen Lächeln.

Drinnen war es warm. Regale zogen sich an den runden Wänden entlang. Darauf standen Becher mit Sternenhenkeln, Teller mit Wolkenrändern und kleine Krüge, die beim Gähnen leise glucksten. In der Mitte des Raumes drehte sich eine Töpferscheibe.

Surr-surr-surr machte sie.

Auf einem niedrigen Hocker saß ein kleiner Maulwurf. Sein Fell war dunkelbraun und samtweich. Er trug eine viel zu große violette Schürze. Seine Pfoten waren voller silberblauem Ton.

„Schneller, schneller“, murmelte er.

Vor ihm wackelte ein Tonklumpen auf der Scheibe. Er wurde breit, dann schmal, dann wieder breit.

Plopp!

Der Tonklumpen sprang von der Scheibe und landete als kleiner Hut auf Momos Kopf.

Pipo musste kichern. Auch Momo kicherte kurz. Dann zog er den Tonhut ab und seufzte.

„Du musst Momo sein“, sagte Leni freundlich.

Der Maulwurf nickte. „Und ihr seid spät. Oder ich bin spät. Oder der Mond ist heute viel zu schnell.“

Er zeigte auf ein rundes Fenster. Der Mond stand schon hoch über dem Hügel. Ein heller Strahl fiel durch das Glas und wanderte langsam über den Fußboden.

„Was möchtest du töpfern?“, fragte Luna.

„Zwölf Mondschalen“, erklärte Momo. „Jeden Abend fangen wir darin ein wenig Mondwärme auf. Dann stellen wir die Schalen in die Schlafnester der kleinen Hügeltiere. Die Wärme hält ihre Träume bis zum Morgen weich.“

Leni sah sich um. Auf einem Tisch standen erst drei Schalen. Eine war rund, eine war schief und eine hatte am Rand eine kleine Delle.

„Drei hast du schon geschafft“, sagte sie.

„Aber ich brauche zwölf“, antwortete Momo. „Meine Oma töpfert sie sonst mit mir. Heute ruhen ihre Pfoten. Ich habe gesagt, dass ich es allein kann.“

Er setzte einen neuen Tonklumpen auf die Scheibe.

Surr-surr-surr.

Momo drückte links. Die Schale kippte nach rechts. Er drückte rechts. Die Schale kippte nach links. Schließlich legte sie sich flach hin wie ein müder Pfannkuchen.

„Vielleicht dreht sich die Scheibe zu schnell“, sagte Fina. Sie hatte aufmerksam beobachtet, wie Momos Schultern immer höher gerutscht waren.

„Ich muss schnell sein“, sagte Momo. „Sonst zählt es nicht.“

„Was zählt nicht?“, fragte Bruno.

Momo schaute auf seine Tonpfoten. „Dass ich es geschafft habe.“

Bruno setzte sich neben ihn. Seine warme Tatze war fast so groß wie die ganze Töpferscheibe. „Wenn Freunde mithelfen, hast du es trotzdem geschafft. Nur eben nicht allein.“

„Aber die Mondschalen sind meine Aufgabe.“

Leni nahm ein kleines Stück Ton und rollte es zwischen den Händen. „Dann bleibst du unser Töpfermeister. Du zeigst uns, was zu tun ist. Wir schenken dir nur unsere Pfoten, Tatzen, Flügel und Hände.“

Momo blinzelte. „Kann man sich Hände schenken?“

„Nur für eine Aufgabe“, sagte Leni. „Danach brauche ich sie zum Zudecken.“

Nun musste Momo wieder kichern. Diesmal blieb das Kichern ein bisschen länger.

„Gut“, sagte er schließlich. „Aber zuerst muss der Ton vorbereitet werden.“

Fina fand mit ihrer feinen Nase den weichsten Ton im Vorratskorb. Luna rollte ihn zu runden Kugeln. Bei jedem Hoppser entstand eine neue.

Hopp, roll. Hopp, roll.

Bruno knetete den festen Ton mit seinen großen Tatzen, bis er weich und warm war. Pipo flatterte über die Kugeln und ließ auf jede einen winzigen Sternenfunken fallen. Leni stellte sie ordentlich neben die Töpferscheibe.

Momo drehte an einem kleinen Rad. Die Scheibe wurde langsamer.

Surr ... surr ... surr.

„So klingt sie schon viel müder“, sagte Luna zufrieden.

Momo setzte die erste Tonkugel in die Mitte. „Jetzt machen die Hände eine kleine Höhle.“

Leni legte ihre Hände um den Ton. Momo führte vorsichtig ihre Finger. Die Kugel wurde zu einer Schale. Sie war nicht ganz rund. An einer Seite zeigte sie eine kleine Spitze.

„Oh“, sagte Leni.

Momo betrachtete sie. „Sie sieht aus wie ein Blatt.“

„Dann kann darin ein Waldtraum schlafen“, meinte Fina.

Als Nächstes durfte Luna an die Scheibe. Seine weichen Pfoten hinterließen zwei längliche Abdrücke am Rand.

„Hasenohren!“, rief Pipo.

„Für einen Hoppeltraum“, sagte Luna.

Fina formte eine Schale, die vorn spitz und hinten breit war. Bruno machte eine besonders tiefe Schale. Seine Tatzen drückten den Rand so sanft nach außen, dass er wie eine Umarmung aussah.

Pipo war zuletzt an der Reihe. Weil seine Flügel zu klein zum Kneten waren, flog er im Kreis über der Scheibe. Der Luftzug zog eine feine Spirale in den Ton.

„Eine Liederschale“, sagte Momo staunend.

Bald standen acht neue Schalen auf dem Tisch. Keine sah aus wie die andere. Eine hatte einen Blattrand, eine Hasenohren, eine Fuchsspitze, eine Bärenumarmung und eine kleine Liederspirale. Die übrigen trugen Lenis Fingersterne und Momos sorgfältige Linien.

„Drei plus acht macht elf“, rechnete Fina. „Eine fehlt noch.“

Der Mondstrahl hatte inzwischen fast den Ofen erreicht.

Momo schob den letzten Tonklumpen auf die Scheibe. „Die zwölfte muss ich allein machen.“

Seine Freunde nickten. Sie standen ganz nah, ohne ihn anzufassen.

Momo atmete ein. Dann atmete er langsam wieder aus. Die Scheibe drehte sich ruhig. Seine Pfoten machten eine kleine Höhle. Der Ton hob sich zwischen ihnen.

Doch plötzlich wackelte Momos linke Pfote.

Die Schale bekam eine Delle.

Momo hielt inne. Früher hätte er die Scheibe schneller gedreht oder den Ton zusammengedrückt. Nun betrachtete er die Delle ganz genau.

„Sie sieht aus wie ein Platz für einen Daumen“, sagte Leni.

Momo legte seinen Daumen hinein. Er passte genau.

„Oder wie ein kleiner Sitz“, sagte Luna.

Pipo landete in der Delle. „Passt auch genau!“

Alle lachten, und Momo ließ die Delle, wie sie war.

„Fertig“, sagte er.

Gemeinsam trugen sie die zwölf Mondschalen zum Ofen. Der Ofen war rund und hatte eine Tür wie ein gähnender Mund. Bruno stellte die Schalen hinein. Fina prüfte, ob jede sicher stand. Luna schob ein weiches Wolkenkissen vor die Tür, damit keine Wärme entkam. Pipo sang drei helle Töne.

Momo legte eine Hand auf den Ofen und flüsterte: „Ton werde fest. Wärme bleibe weich.“

Der Ofen glühte golden auf.

Durch ein kleines Fenster konnten sie sehen, wie die Schalen ihre Farben bekamen. Das Silberblau wurde tief wie der Nachthimmel. Die Sternenfunken leuchteten warmgelb. In den Abdrücken schimmerte sanftes Lila.

Als Momo die Ofentür wieder öffnete, wanderte der letzte Mondstrahl gerade über die Schwelle.

Er glitt in die erste Schale, sprang in die zweite und floss dann von Schale zu Schale. Jede fing ein wenig Licht auf. Die Blattschale duftete nach ruhigem Wald. Die Hasenschale fühlte sich an wie ein weicher Hoppser. Aus der Fuchsschale kam ein sicherer, warmer Schein. Die Bärenschale brummte leise. Die Liederschale summte Pipos drei Töne.

In Momos letzter Schale setzte sich der kleinste Mondstrahl genau in die Delle.

„Siehst du?“, flüsterte Leni. „Der Sitz wurde gebraucht.“

Momo strahlte. „Und alle Schalen sind aus meinem Töpfernest.“

„Mit deinen Linien“, sagte Fina.

„Und unseren Spuren“, sagte Luna.

„Und ganz viel gemeinsamer Wärme“, fügte Bruno hinzu.

Momo stellte die zwölf Schalen in einen flachen Korb. Draußen warteten schon die kleinen Hügeltiere: drei Feldmäuse, zwei Igelkinder, vier Siebenschläfer, eine junge Eule und zwei winzige Käfer. Jedes Tier nahm behutsam eine Mondschale mit in sein Nest.

Der letzte Siebenschläfer bekam Momos Schale mit der Delle. Er legte seine Wange hinein und seufzte zufrieden.

„Genau richtig“, murmelte er.

Im Töpfernest wurde es still. Momo war müde geworden. Bruno breitete seinen Sternenschal auf einer Bank aus. Luna kuschelte sich an Momos Seite. Fina rollte ihren buschigen Schwanz um seine Füße. Pipo setzte sich auf das Regal und summte die drei Ofentöne noch einmal, ganz langsam.

Momo gähnte. „Morgen erzähle ich Oma, dass ich zwölf Mondschalen geschafft habe.“

„Was wirst du noch erzählen?“, fragte Leni.

„Dass ich Töpfermeister war“, sagte Momo. „Und dass ein Töpfermeister wissen darf, wann viele Hände guttun.“

Leni lächelte. Ihr Traumstern leuchtete nun nur noch so hell wie ein Nachtlicht.

Als sie wieder in ihrem Bett lag, waren die drei Tonflecken am Fenster verschwunden. Auf der Fensterbank stand stattdessen eine winzige silberblaue Schale. An ihrem Rand waren ein Fingerstern, eine Pfotenspur, ein kleines Flügelzeichen und eine Daumendelle zu sehen.

Der Mond legte einen warmen Lichtpunkt hinein.

Leni steckte ihre Hände wieder unter die Decke. Sie dachte an das langsame Surren der Töpferscheibe, an Momos Kichern und an die vielen verschiedenen Schalen.

Dann schloss sie die Augen.

Weit hinter den Dächern schlief das Töpfernest im runden Hügel. In zwölf kleinen Nestern leuchteten zwölf Mondschalen. Jede war anders. Jede war genau richtig. Und in jeder ruhte ein weicher Traum bis zum Morgen.

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