Lenis Traumwelt
Leni kniet mit Luna, Fina, Bruno und Pipo auf einem sternenblauen Kreidehof, während leuchtende Kreidebilder um eine kleine freie Stelle im warmen Mondlicht schimmern.

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Leni und die kleine Lücke im Kreidehimmel

An diesem Abend hatte Leni vor dem Schlafengehen gemalt.

Auf einem Blatt Papier standen ein rundes Haus, drei Blumen und ein Stern mit besonders vielen Zacken. Neben dem Stern war noch ein kleines Stück Papier frei.

Leni hielt den lila Stift darüber. Vielleicht passte dort noch ein Hase hin. Oder eine Wolke. Oder ein winziger Kuchen für den Stern.

Doch dann musste sie gähnen.

„Morgen male ich weiter“, murmelte sie.

Sie legte den Stift neben das Blatt, kuschelte sich unter ihre Decke und nahm Teddy in den Arm. Draußen hing der Mond über den Dächern. Sein Licht fiel genau auf die freie Stelle in Lenis Bild.

Da geschah etwas Merkwürdiges.

Aus dem unbemalten Papier kam ein ganz leises Geräusch.

Schripp. Schripp. Schripp.

Leni setzte sich auf.

Auf der Fensterbank erschien eine dünne goldene Linie. Sie kringelte sich um den Blumentopf, hüpfte über den Fenstergriff und zeichnete dort eine kleine Tür. Die Tür war kaum größer als Lenis Hand.

Es klopfte dreimal.

Tock. Tock. Tock.

Als Leni die Tür öffnete, schaute Luna herein. Der kleine Sternenhase trug seinen lila Sternenschal, und an einer Pfote klebte ein Tupfer hellblaue Kreide.

Hinter ihm stand Fina, der orangefarbene Sternenfuchs. Ihre aufmerksamen Augen funkelten. Bruno, der gemütliche Sternenbär, wartete mit seiner lila Sternenmütze auf einer breiten Wolkenstufe. Pipo, der kleine Sternenvogel, flatterte darüber und hinterließ winzige bunte Kreidepunkte in der Luft.

„Guten Abend, Leni“, sagte Luna. „Im Kreidehimmel stimmt etwas nicht.“

„Fast alles ist voll“, erklärte Fina. „Nur eine kleine Stelle nicht.“

„Und genau darum macht sich jemand große Sorgen“, fügte Bruno ruhig hinzu.

Leni blickte auf ihr Bild. Auch dort war noch eine Stelle frei.

„Dann sehen wir sie uns an“, sagte sie.

Sie nahm ihren lila Stift mit und trat durch die kleine Tür.

Auf der anderen Seite lag ein großer, runder Hof mitten in der Nacht. Seine Steine waren dunkelblau wie der Himmel kurz vor dem Einschlafen. Überall leuchteten Kreidebilder.

Ein gelber Fisch schwamm über einen Stein, obwohl dort kein Wasser war. Ein rosa Elefant balancierte drei Monde auf seinem Rüssel. Eine grüne Schnecke trug ein winziges Schloss auf dem Haus. Daneben standen Kreideblumen, Kreideboote, Kreidekissen und freundliche Kreidetiere.

Manche Linien glimmten golden. Andere schimmerten lila, türkis oder warmrot. Wenn der Nachtwind darüberstrich, bewegten sich die Bilder ein kleines bisschen. Der Fisch wedelte mit dem Schwanz. Der Elefant blinzelte. Die Blumen neigten schläfrig ihre Köpfe.

„Wie schön“, flüsterte Leni.

„Das ist der Kreidehof“, sagte Pipo. „Hier werden die ersten Umrisse für neue Träume gemalt.“

„Bevor ein Traum bunt und groß wird, ist er manchmal nur eine Linie“, erklärte Fina.

Mitten zwischen all den Bildern kniete eine kleine Gestalt. Sie war kaum größer als eine Teetasse und trug ein Kleid, das aussah wie eine Schürze aus violettem Kreidestaub. Ihr Haar bestand aus kurzen weißen Strichen. In jeder Hand hielt sie ein Stück Kreide.

Schripp, schripp, schripp, machte es.

Die kleine Gestalt malte einen Stern in eine schmale Lücke zwischen dem Fisch und dem Elefanten. Dann quetschte sie eine Wolke unter die Schnecke. Danach zeichnete sie drei winzige Punkte auf einen Stein, auf dem fast kein Platz mehr war.

„Hallo“, sagte Leni freundlich. „Ich bin Leni. Wer bist du?“

„Tilli“, antwortete die kleine Kreidezeichnerin, ohne aufzusehen. „Ich kann gerade nicht aufhören. Da drüben ist noch etwas frei.“

Sie zeigte auf die Mitte des Hofes.

Dort lag ein einziger unbemalter Stein. Er war rund, glatt und dunkelblau. Kein Strich, kein Punkt und kein Bild war darauf zu sehen.

Tilli lief hin und hob ihre Kreide.

„Was möchtest du dort malen?“, fragte Luna.

Tilli hielt inne. „Ich weiß es nicht.“

„Vielleicht etwas, das dir besonders gut gefällt“, schlug Pipo vor.

„Mir gefällt alles“, sagte Tilli. „Darum habe ich ja schon alles gemalt. Einen Stern. Eine Wolke. Ein Lied. Ein Bett. Einen Keks. Einen Drachen. Einen Teich. Einen Hut mit sieben Bommeln.“

Bruno sah sich um. Tatsächlich steckte der Hof voller Bilder. Einige berührten sich schon mit den Rändern. Der Fisch schwamm aus Versehen durch die Mütze des Elefanten. Eine Kreidewolke lag quer über einem kleinen Haus. Zwei Blumen wussten nicht mehr, zu welchem Stiel sie gehörten.

„Warum muss der letzte Stein unbedingt bemalt werden?“, fragte Bruno.

Tilli schaute erschrocken. „Weil eine freie Stelle bedeutet, dass etwas fehlt.“

„Bist du sicher?“, fragte Leni.

„Natürlich“, sagte Tilli. Doch ihre Stimme klang plötzlich nicht mehr ganz sicher. „Wenn ich eine Lücke lasse, ist der Kreidehimmel nicht fertig. Und wenn er nicht fertig ist, kann ich nicht schlafen.“

Sie setzte die Kreide auf den Stein.

Knack.

Das Stück zerbrach in zwei Hälften.

Tilli sah auf ihre müden, staubigen Hände. Ihre weißen Strichhaare hingen nach unten. Unter ihren Augen lagen zwei graue Kreideschatten.

Bruno setzte sich neben sie. Er sagte erst einmal gar nichts. Seine ruhige Nähe fühlte sich an wie eine warme Decke.

Luna legte vorsichtig eine Pfote an Tillis Arm. „Vielleicht finden wir gemeinsam heraus, was in die Lücke gehört.“

Fina ging einmal langsam um den freien Stein herum. Ihre feine Nase schnupperte am Rand. Sie betrachtete die Bilder links und rechts. Dann setzte sie sich hin.

„Ich entdecke keine verlorene Linie“, sagte sie. „Keine abgebrochene Spur und keinen fehlenden Teil.“

Pipo flog hoch über den Hof. Von oben sah er alle Bilder auf einmal.

„Piep!“, rief er. „Von hier oben wirkt die freie Stelle wie ein ruhiger Teich zwischen vielen bunten Gärten.“

Tilli runzelte die Stirn. „Aber dort ist doch gar kein Teich.“

„Stimmt“, sagte Pipo. „Ich konnte ihn mir nur vorstellen, weil dort Platz war.“

Leni setzte sich auf den unbemalten Stein.

Er war ein bisschen kühl. Über ihr funkelten die echten Sterne. Um sie herum glommen die Kreidebilder. Zum ersten Mal bemerkte sie, wie viele leise Geräusche es im Hof gab.

Den sanften Wind.

Lunas ruhigen Atem.

Das weiche Rascheln von Finas Schwanz.

Brunos gemütliches Brummen.

Pipos Flügel, die fast ohne Laut durch die Luft strichen.

„Setz dich zu mir“, sagte Leni zu Tilli.

„Aber wir müssen doch malen.“

„Nur für einen kleinen Augenblick.“

Tilli legte die beiden Kreidestücke neben sich und setzte sich. Zuerst wackelte sie mit den Füßen. Dann zupfte sie an ihrer Schürze. Schließlich schaute sie nach oben.

Genau über der freien Stelle stand der Mond.

Sein Licht fiel auf den dunklen Stein und machte ihn silbern. Plötzlich sah die Fläche nicht mehr leer aus. Das Mondlicht wanderte langsam darüber, weich und rund.

Eine kleine Sternschnuppe huschte durch den Himmel.

„Oh“, flüsterte Tilli.

„Das hätten wir nicht gesehen, wenn hier ein hoher Kreideturm stünde“, sagte Fina.

Luna legte sich auf den Rücken und betrachtete den freien Himmel. „Ich sehe in der Lücke einen Hasen mit einer viel zu langen Mütze.“

„Ich sehe eine Schale mit Sternenbeeren“, sagte Bruno.

Pipo drehte eine kleine Runde. „Ich sehe einen Vogel, der rückwärts durch eine Wolke fliegt.“

Tilli kicherte. Es war ein leises Kichern, aber es wirbelte ein wenig weißen Kreidestaub von ihren Haaren.

„Und du?“, fragte Leni.

Tilli schaute lange auf den unbemalten Stein. „Ich sehe noch nichts Bestimmtes“, sagte sie. „Aber es fühlt sich an, als könnte morgen etwas Neues dort beginnen.“

„Dann fehlt nichts“, sagte Leni. „Dann wartet dort etwas.“

Tilli wiederholte die Worte ganz langsam. „Es wartet dort etwas.“

Der Nachtwind strich über den Hof.

Weil die Bilder so dicht beieinanderlagen, verfing er sich in den vielen Kreidelinien. Der Fisch zappelte im Hut des Elefanten. Die Wolke drückte gegen das kleine Haus. Die Blumen stießen mit den Köpfen zusammen.

„Wir brauchen mehr Platz“, erkannte Tilli.

Sie nahm ein weiches Tuch aus ihrer Schürzentasche. Doch dann zögerte sie. „Darf man eine Linie wegwischen, die man selbst gemalt hat?“

„Manchmal darf ein Bild sich verändern“, sagte Leni. „Auf meinem Papier zu Hause ist auch noch nicht alles fertig.“

Fina zeigte auf die Stelle, an der Fisch und Elefantenhut durcheinandergeraten waren. „Wenn wir nur diese Linie ein wenig kürzer machen, kann jeder wieder er selbst sein.“

Tilli wischte ganz vorsichtig.

Wusch.

Der Fisch bekam seinen Schwanz zurück. Der Elefant hatte wieder eine ordentliche Mütze.

Luna pustete etwas Kreidestaub von der Wolke. Pust.

Nun konnte das kleine Haus wieder durch sein Fenster schauen.

Bruno hob mit einer großen, sanften Tatze eine breite Kreidelinie an. Darunter kamen zwei Blumenstiele zum Vorschein. Pipo flatterte darüber und ließ fünf winzige Sternenfunken an genau den richtigen Stellen landen.

Bald hatten alle Bilder ein wenig Raum um sich.

Zwischen dem Fisch und dem Elefanten blieb ein blauer Streifen frei. Um die Blumen entstand ein kleiner Rand. Neben dem Haus durfte ein Stück Nacht einfach nur Nacht sein.

Die Bilder begannen ruhiger zu leuchten.

Der Fisch schwamm langsam.

Der Elefant stellte seine Monde ordentlich nebeneinander.

Die Schnecke gähnte und zog die Fühler ein.

Tilli betrachtete den Hof. „Die freien Stellen machen die Bilder schöner“, staunte sie.

„Sie geben ihnen Platz zum Atmen“, sagte Bruno.

„Und Platz für neue Ideen“, ergänzte Pipo.

„Und einen Weg, auf dem der Blick spazieren gehen kann“, sagte Fina.

Luna kuschelte sich an Tilli. „Und einen Platz zum Ausruhen.“

Tilli nahm ihre weiße Kreide. Auf den Rand des runden, freien Steins malte sie einen einzigen kleinen Punkt.

„Ist das doch noch ein Bild?“, fragte Leni.

Tilli schüttelte den Kopf. „Das ist ein Pausenpunkt. Er erinnert mich daran, dass ich hier aufhören darf.“

Dann legte sie die Kreide weg.

Sofort begann der kleine Punkt warm zu leuchten. Sein Licht wanderte über den Rand des Steins und machte eine weiche, runde Schlafstelle daraus.

Bruno legte seine Sternenmütze unter Tillis Kopf. Luna rollte sich an ihre Seite. Fina legte den buschigen Schwanz wie eine Decke über Tillis Füße. Pipo setzte sich auf einen nahen Kreidemond und summte nur einen einzigen, langen Ton.

Leni lag neben ihnen und schaute in die freie Stelle zwischen den Sternen.

„Morgen“, murmelte Tilli schläfrig, „male ich vielleicht etwas Neues.“

„Vielleicht“, sagte Leni.

„Oder auch erst übermorgen.“

„Auch gut.“

„Und wenn mir gar nichts einfällt?“

Leni lächelte. „Dann bleibt Platz zum Staunen.“

Tilli schloss die Augen.

Der Kreidehof wurde still. Ein Bild nach dem anderen kuschelte sich in die Nacht. Der Fisch sank auf den Boden seines unsichtbaren Teichs. Der Elefant legte die drei Monde neben sich. Die Blumen falteten ihre Blütenblätter. Sogar der Hut mit den sieben Bommeln hörte auf zu wackeln.

Der Pausenpunkt leuchtete ganz sanft.

Als Leni wieder in ihrem Bett lag, stand die kleine goldene Tür noch einen Moment auf der Fensterbank. Luna, Fina, Bruno und Pipo winkten ihr hindurch zu.

„Gute Nacht, Leni“, sagte Luna.

„Gute Nacht, ihr Lieben. Gute Nacht, Tilli.“

Die Tür wurde zu einer goldenen Linie. Die Linie wurde zu einem Punkt. Dann verschwand auch der Punkt im Mondlicht.

Leni sah auf ihr Bild neben dem Bett. Das Haus, die Blumen und der Stern waren noch da. Und auch das kleine freie Stück Papier war noch da.

Sie nahm den lila Stift nicht wieder in die Hand.

Stattdessen flüsterte sie: „Da wartet etwas.“

Der Mond malte einen silbernen Fleck auf die freie Stelle.

Leni kuschelte Teddy an sich. Ihr Atem wurde langsam und ruhig.

In ihrem Traum lag ein dunkelblauer Kreidehof unter einem weiten Himmel. Zwischen all den leuchtenden Bildern war genug Platz für den Mond, für neue Ideen und für eine kleine Kreidezeichnerin, die endlich schlafen konnte.

Und mitten in der stillen Lücke leuchtete ein winziger Pausenpunkt.

Ganz warm.

Ganz ruhig.

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Lenis Traumwelt sammelt liebevolle Gute-Nacht-Geschichten für Kinder von etwa 2 bis 6 Jahren. Die Vorlesegeschichten sind warm, langsam und kindgerecht erzählt, damit sie gut ins Abendritual passen: zum gemeinsamen Kuscheln, zum Runterkommen nach einem langen Tag und für kleine Kinder, die vor dem Schlafen noch eine freundliche Traumreise erleben möchten.

Jede Geschichte begleitet Leni, ihren Traumstern und die Tierfreunde Luna, Fina, Pipo und Bruno auf eine ruhige Reise voller Sternenlicht, Freundschaft und sanfter Einschlafmomente. Wer gezielt stöbern möchte, findet thematische Sammlungen wie Geschichten mit Tieren, Weltreise-Geschichten und kurze Einschlafgeschichten.

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