Lenis Traumwelt
Leni, Luna, Fina und Maulwurf Momo sitzen in einem gemütlichen Wurzelhaus unter der Abendwiese und entdecken im sanften Mondschein Moos, Blüten und kleine Erdfenster.

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Leni und das Dunkelfest im Wurzelhaus

An diesem Abend versteckte sich der Mond hinter einer dicken Wolke. Lenis Zimmer wurde plötzlich dunkler als sonst. Der Schrank, der Teppich und der kleine Stuhl waren noch da, aber sie sahen ganz anders aus.

Leni zog die Decke ein wenig höher.

„Wo gehen die vertrauten Dinge hin, wenn das Licht weg ist?“, fragte sie ihren Teddy.

Teddy wusste es nicht. Oder vielleicht wusste er es und war schon zu müde zum Antworten.

Da raschelte etwas am Fenster.

Nicht pling, nicht kling und nicht klopf. Es klang wie trockenes Gras, das sich gegenseitig gute Nacht sagte.

Leni schob den Vorhang beiseite. Auf dem Fensterbrett saßen Luna und Fina. Lunas weißes Fell schimmerte ganz sanft. Um seinen Hals lag der lila Sternenschal. Finas orangefarbener Schwanz war ordentlich um ihre Pfoten gerollt, und ihre aufmerksamen Ohren zeigten nach vorn.

Zwischen ihnen lag eine kleine Karte aus einem braunen Blatt. Darauf waren vier winzige Pfotenabdrücke und ein runder Hügel gemalt.

„Eine Einladung“, sagte Fina. „Zum Dunkelfest im Wurzelhaus.“

„Ganz ohne Lampen“, ergänzte Luna fröhlich.

Leni blickte in ihr dunkles Zimmer. „Ohne eine einzige?“

„Die Lampen dürfen heute schlafen“, erklärte Fina. „Maulwurf Momo sagt, sonst verpassen sie das Fest jedes Jahr.“

Leni musste lächeln. Trotzdem kribbelte es in ihrem Bauch. Ein Fest ohne Licht kannte sie noch nicht.

Sie zog ihr lila Sternenjäckchen an. Den Traumstern ließ sie auf dem Nachttisch liegen. Heute sollte auch er sich ausruhen.

Fina sprang in den Garten, Luna hoppelte hinterher, und Leni kletterte vorsichtig aus dem niedrigen Fenster. Die Wolke lag noch immer vor dem Mond. Über der Wiese konnte Leni nur die Umrisse der Blumen sehen.

Fina lief voraus. Ihre feine Nase fand den Weg zwischen den Halmen. Luna blieb dicht neben Leni. Manchmal strich sein weiches Ohr über ihre Hand.

„Bist du noch da?“, fragte Leni.

„Hier“, sagte Luna und stupste ihre Finger mit der Nase an.

Unter dem alten Holunderbusch wartete Momo. Der kleine Maulwurf trug eine cremefarbene Weste mit runden Holzknöpfen. In seinen Pfoten hielt er keine Laterne, sondern ein langes, weiches Band.

„Willkommen“, sagte er. „Das ist unser Festband. Daran finden alle bis ins Wurzelhaus.“

Leni nahm das Band. Es fühlte sich warm und ein bisschen wollig an. Hinter ihr griff Luna danach, dann Fina. Momo hielt das vordere Ende.

Gemeinsam gingen sie durch einen runden Eingang unter den Wurzeln.

Drinnen war es dunkel.

Sehr dunkel.

Leni blieb stehen.

„Ich sehe den Weg nicht“, flüsterte sie.

„Das musst du hier auch nicht“, sagte Momo. „Der Weg sagt deinen Füßen Bescheid.“

Leni setzte einen Fuß vor den anderen. Unter ihren Sohlen war der Boden zuerst glatt und kühl. Dann wurde er weich wie ein Mooskissen. Danach knisterten kleine Blätter.

„Glatt, weich, knisterig“, zählte Leni.

„Du hast schon drei Wegweiser gefunden“, sagte Fina.

Der Gang machte eine sanfte Kurve. Leni hielt das Festband nicht mehr so fest. Sie hörte Lunas leise Hoppser hinter sich und Finas Pfoten auf den Blättern. Vor ihr schob Momo ein kleines Steinchen zur Seite.

Schließlich blieb er stehen.

„Erster Festplatz“, verkündete er. „Die Duftmulde.“

Leni konnte noch immer kaum etwas sehen. Doch nun roch sie feuchte Erde. Dann kam ein süßer Duft dazu.

„Apfel“, sagte Luna sofort.

„Fast“, meinte Momo. „Apfelschale mit einem Hauch Kamille.“

Fina schnupperte nach links. „Und dort liegt frisches Heu.“

In flachen Mulden ruhten Dinge von der Abendwiese: ein Büschel Heu, getrocknete Kamillenblüten, Apfelschalen, ein Stück Baumrinde und ein Töpfchen mit warmer Erde.

Jeder durfte seinen liebsten Gute-Nacht-Duft wählen.

Luna entschied sich für den Apfel. Fina mochte die Rinde. Momo legte beide Pfoten um die warme Erde.

Leni roch an der Kamille. Der Duft erinnerte sie an Abende, an denen Mama neben ihrem Bett gesessen und leise von ihrem Tag erzählt hatte.

Plötzlich fühlte sich die Dunkelheit nicht mehr leer an. Sie roch nach Zuhause.

„Die vertrauten Dinge sind also noch da“, sagte Leni. „Auch wenn ich sie nicht sehe.“

„Sie warten nur darauf, anders entdeckt zu werden“, antwortete Momo.

Sie nahmen das Festband wieder auf und gingen weiter. Der nächste Gang war schmaler. Von oben hingen dicke Wurzeln herab. Einige waren glatt, andere hatten kleine Rillen.

Leni strich mit der freien Hand darüber.

Eine Wurzel fühlte sich an wie eine lange, ruhige Welle. Eine andere war knotig wie Brunos Sternenmütze, wenn er sie zu tief ins Gesicht zog. Eine dritte kitzelte Lenis Handfläche.

Luna kicherte. „Die hat mich am Ohr erwischt.“

Nun kicherte Leni auch.

Am zweiten Festplatz lagen viele kleine Kissen im Kreis. Momo half allen, einen Platz zu finden.

„Hier beginnt das Wurzellauschen“, erklärte er.

Alle wurden still.

Zuerst hörte Leni nur ihren eigenen Atem.

Ein. Aus.

Dann hörte sie ein winziges Knacken über sich.

„Ein Samenkorn macht es sich in der Erde gemütlich“, flüsterte Momo.

Von weit weg kam ein leises Scharren.

„Ein Regenwurm zieht sein Blatt ins Bett“, vermutete Fina.

Ganz oben strich der Wind über die Wiese. Seine Bewegung wanderte durch die Halme in die Wurzeln. Im Wurzelhaus klang sie wie ein tiefes, sanftes Summen.

Luna legte den Kopf schief. „Die Wiese schnarcht.“

Das war so lustig, dass alle kurz lachen mussten. Danach lauschten sie weiter.

Das Summen wurde langsamer. Oder vielleicht wurde nur Lenis Atem langsamer. Sie wusste es nicht genau. Beides fühlte sich gut an.

„Ich dachte, Dunkelheit wäre still“, sagte Leni. „Aber sie hat ganz viele leise Stimmen.“

Momo nickte. „Am Tag reden die Augen besonders laut. Beim Dunkelfest dürfen die Ohren, die Nase, die Hände und die Füße auch einmal erzählen.“

Auf dem nächsten Stück führte das Band über eine kleine Brücke aus Wurzeln. Unter ihr plätscherte ein dünner Wasserfaden.

Leni ging langsam. Ein Schritt. Noch ein Schritt. Luna hoppelte dicht hinter ihr. Fina ging voraus und sagte bei jeder Biegung ruhig: „Hier kommt eine Kurve. Hier wird der Boden weich. Hier ist alles sicher.“

Auf der anderen Seite öffnete sich der Gang zu einem großen runden Raum.

„Der Herzraum“, sagte Momo. „Hier endet unser Dunkelfest.“

In der Mitte lag ein Teppich aus Moos. Rundherum standen niedrige Schalen mit Blüten, Federn, glatten Steinen und kleinen Zapfen. Alle suchten sich etwas aus, das sich besonders angenehm anfühlte.

Luna fand eine Feder, weich wie sein Bauchfell. Fina wählte einen glatten, runden Stein. Momo nahm einen winzigen Zapfen. Leni legte beide Hände auf das kühle Moos.

Dann erzählte jeder, was die Dunkelheit ihm geschenkt hatte.

„Mir hat sie einen Apfelduft geschenkt“, sagte Luna.

„Mir einen Weg, den meine Nase schon kannte“, sagte Fina.

„Mir das Summen der Wiese“, sagte Momo.

Leni dachte nach. Am Anfang hatte die Dunkelheit groß und leer gewirkt. Nun war sie voller Kamille, Moos, Wurzeln, Atemzüge und freundlicher Stimmen.

„Mir hat sie gezeigt, dass ich nicht alles sehen muss, um mich sicher zu fühlen“, sagte sie.

In diesem Moment zog draußen die dicke Wolke weiter.

Durch winzige Löcher zwischen den Wurzeln fiel Mondlicht in den Herzraum. Erst erschien ein silberner Punkt. Dann noch einer. Bald glitzerten über ihnen viele kleine Lichtflecken.

Es sah aus wie ein Sternenhimmel unter der Erde.

Jetzt konnte Leni ihre Freunde erkennen. Lunas lange Ohren. Finas buschigen Schwanz. Momos runde Nase. Und all die Dinge, die sie eben nur gerochen, gehört oder gefühlt hatte.

Sie waren genauso gewesen, wie Leni sie sich vorgestellt hatte. Manche sogar noch schöner.

„Das Licht ist wieder da“, sagte Luna.

Momo lächelte. „Dann hat es wohl genug geschlafen.“

Zum Abschied band er jedem ein kurzes Stück vom Festband ums Handgelenk. Lenis Band war weich, braun und ganz schlicht.

„Falls es einmal dunkel wird“, sagte Momo, „kannst du daran fühlen und dich erinnern: Vertraute Dinge gehen nicht fort. Sie lassen sich nur auf eine andere Weise finden.“

Der Rückweg kam Leni viel kürzer vor. Sie erkannte den knisternden Blätterboden, das Moos und die glatte Stelle unter ihren Füßen. Am Ausgang roch sie den Holunder, noch bevor sie die Nachtluft im Gesicht spürte.

Über der Wiese stand der Mond wieder frei. Fina begleitete Leni bis zum Fenster. Luna stupste ihr zum Abschied die Hand an.

„Hier“, sagte er noch einmal.

Leni kletterte in ihr Zimmer zurück. Der Schrank war ein Schrank. Der Stuhl war ein Stuhl. Der Teppich lag still auf dem Boden. Nichts war fort gewesen.

Sie legte sich ins Bett und schaltete die kleine Lampe aus.

Dann schloss sie die Augen.

Sie roch die Bettwäsche. Sie hörte den Wind am Fenster. Sie fühlte Teddys weichen Bauch und das Festband an ihrem Handgelenk.

„Glatt, weich, knisterig“, murmelte sie und dachte an den Weg im Wurzelhaus.

Ihr Atem wurde ruhig.

Ein. Aus.

Unter der Wiese lauschte Momo dem Summen der Wurzeln. Fina rollte ihren Schwanz um die Pfoten. Luna legte die langen Ohren auf sein Kissen.

Und Leni wusste: Die Nacht war nicht leer. Sie war voller vertrauter Dinge, die ganz leise bei ihr blieben.

So schlief sie sicher, warm und geborgen ein.

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