
Leni und der Schlummerlift im Sternenhaus
An diesem Abend lag Leni schon unter ihrer weichen Decke. Teddy ruhte in ihrem Arm, der Mond schaute durch das Fenster, und auf dem Nachttisch glomm ihr Traumstern wie ein winziges goldenes Nachtlicht.
Leni wollte gerade die Augen schließen, als es unter ihrem Kopfkissen ganz leise klingelte.
„Ding“, machte es.
Leni hob den Kopf. Unter dem Kissen lag ein runder, goldener Knopf. Darauf stand eine einzige Zahl: 0.
„Ein Knopf für die Null?“, wunderte sie sich.
Kaum berührte sie ihn, wurde die Wand neben ihrem Bett durchsichtig. Dahinter erschien eine kleine Halle mit dunkelblauen Wänden, goldenen Sternenlampen und einer Tür, die aussah wie die Tür zu einem alten Lift.
Vor der Tür warteten Luna und Bruno.
Lunas weißes Fell schimmerte im Mondlicht. Um den Hals trug der Sternenhase seinen lila Schal. Bruno hatte seine gemütliche Sternenmütze aufgesetzt und hielt eine zusammengerollte Decke unter dem Arm.
„Gut, dass du da bist“, sagte Luna. „Im Sternenhaus kommen heute alle zur falschen Zeit am richtigen Ort an.“
„Oder zur richtigen Zeit am falschen Ort“, brummte Bruno freundlich. „Wir sind uns noch nicht ganz sicher.“
Leni schlüpfte in ihr lila Sternenjäckchen, nahm den Traumstern und trat durch die Wand.
Sofort schloss sich ihr Zimmer leise hinter ihr.
Vor ihnen ragte das Sternenhaus bis in den Nachthimmel. Es hatte viele runde Fenster. Hinter jedem lag ein anderer gemütlicher Schlafplatz. Ganz unten leuchtete eine kleine Höhle. Weiter oben sah man ein Nest, ein Moosbett und ein Zimmer mit einer warmen Steinwand. Ganz oben, dicht unter dem Dach, schaukelte eine Hängematte zwischen zwei Sternenbalken.
Doch in der Eingangshalle war es gar nicht gemütlich.
Vor dem Lift warteten drei müde Nachtgäste.
Ein kleiner Siebenschläfer namens Nino trug eine Schlafmütze, die ihm über ein Auge rutschte. Die junge Eule Edda hielt ein rundes Kissen unter dem Flügel. Und ein winziger Nachtkäfer namens Kalle saß auf einem Koffer aus Rinde.
Alle drei gähnten.
Die Lifttür öffnete sich.
„Ding!“, rief der Lift viel zu laut.
Drinnen blinkten alle Knöpfe gleichzeitig. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs und sogar der kleine Knopf für das Dach funkelten wild durcheinander.
„Ich heiße Lumo“, piepste der Lift. Seine Stimme kam aus einem goldenen Gitter über der Tür. „Bitte alle einsteigen! Bitte alle aussteigen! Bitte nach oben! Bitte nach unten! Oh je, was denn zuerst?“
Die Tür ging auf.
Dann zu.
Dann wieder auf.
„Ding! Ding! Ding!“
Lumo fuhr eine halbe Handbreit nach oben, ruckelte wieder nach unten und blieb seufzend stehen.
„Ich glaube, mir sind alle Etagen gleichzeitig in den Kopf gehüpft“, sagte er.
„Wir wollten nur schnell ins Bett“, murmelte Nino.
„Ich habe auf die Fünf gedrückt“, sagte Edda.
„Und ich auf die Eins“, summte Kalle.
Nino schob seine Schlafmütze hoch. „Ich brauche die Drei. Aber dann hat Lumo geblinkt, und da habe ich vorsichtshalber noch einmal auf die Drei gedrückt. Und auf die Zwei. Und auf die Vier.“
Edda blickte verlegen zu Boden. „Ich habe auch noch ein paar Knöpfe ausprobiert.“
Kalle hob ein winziges Bein. „Ich ebenfalls.“
Lumo stöhnte. Alle Lichter flackerten noch schneller.
Leni trat in den Lift. Die Wände waren aus dunklem Holz. Kleine goldene Sterne waren darin eingelassen. Auf dem Boden lag ein runder Teppich, weich wie Moos. Eigentlich war Lumo der gemütlichste Lift, den Leni je gesehen hatte.
Nur seine Knöpfe brauchten dringend eine Pause.
„Müssen wir wirklich alle Etagen auf einmal wissen?“, fragte sie.
„Ein Lift muss doch wissen, wohin er fährt“, piepste Lumo.
„Ja“, sagte Leni. „Aber vielleicht reicht erst einmal die nächste Etage.“
Bruno rollte seine Decke aus und legte sie über die blinkenden Knöpfe. Sofort wurde es im Lift dunkler und ruhiger.
Nur der unterste Knopf schaute noch unter dem Deckenrand hervor.
Auf ihm stand die Zahl Eins.
Kalle summte erleichtert. „Das ist meine Etage.“
„Dann beginnen wir mit der Eins“, sagte Leni.
Luna legte eine Pfote auf den Knopf.
„Hopp“, flüsterte er.
Der Knopf leuchtete warm auf.
Lumo zitterte kurz. „Aber was ist mit Zwei, Drei, Vier, Fünf und dem Dach?“
Bruno setzte sich auf den weichen Teppich. „Die laufen nicht weg. Sie warten ganz geduldig über uns.“
Leni hielt ihren Traumstern an das goldene Gitter. Sein Licht wurde langsam heller und wieder dunkler.
„Wir atmen einmal ein“, sagte sie.
Alle atmeten ein.
Lumo machte: „Sssss.“
„Und wieder aus.“
Alle atmeten aus.
Lumo machte: „Schhhhh.“
Dann setzte er sich in Bewegung.
Nicht ruckelig. Nicht schnell.
Ganz sanft glitt er nach oben.
„Ein kleines Stück“, flüsterte Luna.
„Das genügt“, sagte Bruno.
„Ding“, machte Lumo an der ersten Etage. Diesmal klang es weich wie ein Löffel, der vorsichtig an eine Tasse tippt.
Die Tür öffnete sich.
Dahinter lag ein warmes Zimmer aus glatten Steinen. In den Wänden glitzerten winzige Lichtpunkte. Auf dem Boden stand ein Bett aus Rinde, gerade groß genug für einen Nachtkäfer. Daneben wartete eine Lampe in Form eines Tautropfens.
Kalle klatschte mit allen sechs Beinchen.
„Mein Zimmer!“
Er nahm seinen Koffer, stieg aus und drehte sich noch einmal um.
„Gute Nacht, Lumo. Du hast mich genau richtig gebracht.“
Eines der wilden Lichter hinter Brunos Decke erlosch.
Lumo summte überrascht. „Oh. In meinem Kopf ist es ein bisschen stiller geworden.“
Die Tür schloss sich.
Nun hob Bruno den Deckenrand nur so weit an, dass der Knopf mit der Drei zu sehen war.
„Meine Etage“, sagte Nino. Seine Stimme klang schon sehr schläfrig.
Luna drückte die Drei.
Lumo begann wieder zu grübeln. „Aber die Zwei liegt dazwischen. Muss ich dort auch anhalten? Und die Vier kommt später. Vielleicht sollte ich schon einmal umkehren, damit ich sie nicht verpasse.“
„Heute braucht niemand die Zwei“, sagte Leni. „Du darfst an ihr vorbeifahren.“
„Darf eine Etage einfach warten?“
„Natürlich“, sagte Bruno. „Warten ist manchmal nur eine besonders ruhige Art, da zu sein.“
Wieder atmeten alle ein.
„Sssss“, machte Lumo.
Und aus.
„Schhhhh.“
Der Lift glitt weiter.
Als die Zwei am kleinen Fenster vorbeizog, blieb alles ruhig. Kein Knopf sprang auf. Keine Tür beschwerte sich.
„Die Zwei kann wirklich warten“, staunte Lumo.
Bei der Drei öffnete sich die Tür zu einem runden Zimmer. Überall hingen kleine Taschen aus Blättern. In jeder lag eine Nuss, ein Schlaflied oder ein besonders weiches Stück Moos. In der Mitte stand ein Bett wie eine halbe Walnussschale.
Nino gähnte so weit, dass seine Mütze wieder über sein Auge fiel.
„Genau mein Platz.“
Bruno hob Nino vorsichtig hoch und legte ihn in das Walnussbett. Luna zog die kleine Blattdecke bis an Ninos Kinn.
„Morgen bedanke ich mich richtig“, murmelte Nino.
„Ein müdes Danke ist auch ein richtiges Danke“, sagte Leni.
Nino lächelte schon im Schlaf.
Als sich die Tür schloss, erloschen gleich mehrere blinkende Lichter.
Jetzt war es in Lumo fast dunkel. Nur ein Knopf glühte noch unruhig unter der Decke.
Die Fünf.
Edda drückte ihr rundes Kissen an sich. „Das bin ich.“
Doch als Luna den Knopf freilegen wollte, schüttelte Edda den Kopf.
„Was ist, wenn wir an der Fünf vorbeifahren?“, fragte sie. „Oder wenn die Tür zu früh aufgeht? Ich bin noch nie allein so hoch gefahren.“
Leni sah aus dem kleinen Liftfenster. Tief unter ihnen leuchtete Kalles Tautropfenlampe. In der dritten Etage war Ninos Walnussbett nur noch als warmer, brauner Halbmond zu erkennen.
„Wir sind nicht auf einmal hier oben angekommen“, sagte sie. „Erst kam die Eins. Dann die Drei. Jetzt kommt die Fünf.“
Luna stellte sich neben Edda. Seine langen Ohren berührten fast ihr Kissen.
„Und bis die Tür aufgeht, bleiben wir bei dir.“
Bruno nahm seine Decke von den Knöpfen und legte sie um Eddas Schultern. Nur die Fünf leuchtete noch.
Lumo atmete ein.
„Sssss.“
Alle atmeten aus.
„Schhhhh.“
Der Lift fuhr los.
Vorbei an der Vier.
Hinauf zur Fünf.
Edda hielt erst die Augen geschlossen. Dann öffnete sie eines. Danach das andere.
„Es fühlt sich gar nicht an wie ganz hoch“, sagte sie. „Es fühlt sich nur an wie noch ein kleines Stück.“
„Ding“, flüsterte Lumo.
Die Tür öffnete sich.
Ein sanfter Nachtwind strich in den Lift. Vor ihnen lag ein rundes Nestzimmer unter dem Dach. Die Wände waren offen wie ein Balkon. Der Himmel hing voller Sterne. In der Mitte schwebte ein großes Federnest, das sich ganz langsam hin und her wiegte.
Edda machte einen kleinen Schritt.
Dann noch einen.
Sie legte ihr Kissen ins Nest und hüpfte hinterher.
„Von hier sieht jede große Höhe aus wie viele kleine Wege“, sagte sie.
Leni winkte ihr zu. „Schlaf gut, Edda.“
„Schlaf gut, ihr alle. Und schlaf gut, Lumo.“
Die Tür schloss sich.
Im Lift war es nun ganz still.
Kein Knopf blinkte mehr.
Lumo glitt von selbst langsam zurück nach unten. An der Vier vorbei. An der Drei vorbei. An der Zwei vorbei. An der Eins vorbei.
In der Eingangshalle hielt er so sanft, dass Brunos Sternenmütze nicht einmal wackelte.
„Ding“, sagte Lumo zufrieden.
„Du klingst müde“, bemerkte Luna.
„Sehr müde“, gab Lumo zu. „Die ganze Nacht wollte ich jede Etage gleichzeitig festhalten.“
Bruno breitete seine Decke auf Lumos Moosteppich aus.
„Dann ist jetzt deine Etage dran“, sagte er.
„Welche Zahl hat sie?“
Leni zeigte auf den goldenen Knopf, den sie unter ihrem Kopfkissen gefunden hatte. Die Null.
„Die Null ist hier“, sagte sie. „Du musst gerade nirgendwohin.“
Lumo schloss seine Lifttür bis auf einen kleinen Spalt. Durch ihn fiel warmes Sternenlicht auf die Decke.
„Nur hier“, murmelte er.
„Nur jetzt“, sagte Luna.
„Nur ausruhen“, brummte Bruno.
Leni setzte sich zwischen ihre Freunde. Gemeinsam hörten sie das Sternenhaus schlafen.
Von der ersten Etage kam Kalles winziges Schnarchsummen.
Von der dritten Etage raschelte Ninos Blattdecke.
Von der fünften Etage schwebte ein leiser Eulenatem herunter.
Alles geschah nacheinander.
Ein Summen.
Ein Rascheln.
Ein Atemzug.
Lumos goldene Sterne wurden dunkler. Einer nach dem anderen.
Zuletzt leuchtete nur noch die Null.
„Morgen fahre ich wieder“, murmelte er. „Etage für Etage.“
„Und Traum für Traum“, sagte Leni.
Der goldene Nullknopf wurde warm in ihrer Hand. Die Wand zu ihrem Kinderzimmer erschien wieder neben dem Lift.
Leni umarmte Luna und Bruno. Dann trat sie zurück an ihr Bett.
Teddy wartete noch genau dort, wo sie ihn hingelegt hatte. Der Mond stand ein kleines Stück weiter über den Dächern. Sonst war alles still.
Leni legte den Nullknopf auf den Nachttisch. Daneben glomm ihr Traumstern.
Sie kuschelte sich unter die Decke und dachte an Lumo.
Heute musste sie nicht schon an morgen denken. Nicht an das Frühstück. Nicht an das Anziehen. Nicht an all die Spiele, die später auf sie warteten.
Jetzt gab es nur diese eine kleine Etage der Nacht.
Ihr warmes Bett.
Teddy in ihrem Arm.
Ein Atemzug hinein.
„Sssss“, flüsterte Leni.
Ein Atemzug hinaus.
„Schhhhh.“
Unter ihrem Kopfkissen machte es noch einmal ganz leise:
„Ding.“
Dann schliefen Leni, das Sternenhaus und der Schlummerlift ruhig und geborgen ein.
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