
Leni und das Samtkrokodil im Spiegelteich
Leni und das Samtkrokodil im Spiegelteich
Es war Abend in Lenis Zimmer.
Die Decke lag weich auf ihren Knien, der Teddy hatte schon seinen Schlafplatz gefunden, und draußen hing der Mond wie eine helle, runde Laterne am Himmel.
Leni hatte ihre Zähne geputzt, ihre Socken ordentlich neben das Bett gelegt und dem kleinen Traumstern auf ihrem Nachttisch gute Nacht gesagt.
„Schlaf gut“, flüsterte sie.
Da antwortete der Traumstern nicht mit Worten. Aber er blinkte einmal.
Ganz sanft.
Leni lächelte.
Dann hörte sie ein leises Plitsch.
Nicht aus dem Badezimmer. Nicht aus der Küche. Es kam direkt von der Fensterscheibe.
Plitsch.
Leni setzte sich auf.
Am Fenster saß Luna, der kleine Sternenhase. Sein weißes Fell schimmerte wie Mondmilch. Daneben stand Fina, der Sternenfuchs, mit aufmerksamen Augen. Pipo, der leuchtende Vogel, tropfte ein winziges bisschen, als wäre er gerade durch Nebel geflogen. Bruno, der große Bär, winkte draußen mit seiner warmen Tatze.
Auf Lunas Rücken saß die kleine Maus. Sie trug einen winzigen gelben Regenhut.
„Guten Abend, Leni“, flüsterte Luna.
„Warum tropft Pipo?“, fragte Leni.
Pipo schüttelte sich vorsichtig. Drei glitzernde Tropfen fielen auf die Fensterbank und verschwanden.
„Wir kommen vom Spiegelteich“, piepste er.
„Dort braucht jemand Hilfe“, sagte Fina.
Bruno nickte langsam. „Jemand sehr Freundliches.“
Die kleine Maus beugte sich vor. „Und sehr Grööößes.“
Leni zog die Decke zurück.
„Dann komme ich mit.“
Vor dem Fenster wartete kein Sternenschiff. Heute lag dort ein schmaler Weg aus silbernen Wasserperlen. Er führte vom Fensterbrett hinunter in den Garten, um den Apfelbaum herum und weiter bis zu einer Stelle, an der Leni am Tag nur Gras kannte.
Leni schlüpfte in ihre Hausschuhe, nahm den Traumstern in die Hand und kletterte mit ihren Freunden hinaus.
Der Garten roch nach Nacht und nach feuchter Erde.
Die Wasserperlen leuchteten unter ihren Füßen, ohne nass zu machen. Pipo flog voraus. Luna hüpfte leise. Fina ging neben Leni. Bruno passte auf, dass niemand zurückblieb. Die kleine Maus hielt ihren Regenhut fest.
Hinter dem Apfelbaum öffnete sich plötzlich ein runder Teich.
Leni blieb stehen.
„Den habe ich ja noch nie gesehen.“
„Den sieht man nur, wenn der Mond sich darin ausruhen möchte“, erklärte Luna.
Der Teich war glatt wie Glas. Sterne spiegelten sich darin, und der Mond lag auf dem Wasser, als hätte jemand ihn vorsichtig hineingelegt. Am Ufer wuchsen weiche silberne Gräser. Zwischen ihnen leuchteten kleine blaue Blumen.
Doch etwas stimmte nicht.
Immer wenn der Teich ganz still wurde, zitterte ein Schatten unter der Oberfläche.
Dann plitschte es.
Und das Spiegelbild des Mondes bekam Wellen.
„Da ist er“, flüsterte Fina.
Aus dem Wasser tauchten zwei freundliche Augen auf.
Dann eine lange grüne Nase.
Dann ein Kopf, der so weich aussah, als wäre er aus Samt genäht.
Es war ein Krokodil.
Aber kein gefährliches Krokodil. Dieses Krokodil hatte runde Wangen, kleine goldene Punkte auf dem Rücken und eine sehr vorsichtige Stimme.
„Hallo“, sagte es.
Leni winkte.
„Hallo. Ich bin Leni.“
„Ich weiß“, sagte das Krokodil. „Ich bin Koro.“
Die kleine Maus stellte sich hinter Lunas Ohr. „Koro ist wirklich sehr höflich.“
Koro blinzelte dankbar.
„Warum bist du traurig?“, fragte Leni.
Koro sank ein kleines Stück tiefer ins Wasser. Nur seine Augen und seine Nase schauten noch heraus.
„Wegen meines Lächelns“, murmelte er.
„Deines Lächelns?“, fragte Pipo.
Koro nickte.
„Es ist zu groß.“
Bruno setzte sich langsam ans Ufer.
„Ein großes Lächeln kann sehr freundlich sein.“
Koro schüttelte den Kopf. Dadurch schwappten kleine Wellen bis zu Lenis Hausschuhen.
„Wenn ich lächle, sieht man alle meine Zähne. Dann erschrecken sich die Schlaflibellen. Die Mondfische verstecken sich. Sogar mein eigenes Spiegelbild sieht aus, als wollte es knurren.“
Leni betrachtete Koro genau.
Er sah nicht knurrig aus. Er sah aus, als hätte er Angst davor, jemanden zu erschrecken.
„Darfst du denn gar nicht lächeln?“, fragte sie.
Koro senkte den Blick.
„Ich übe es nur unter Wasser. Da sieht es niemand.“
In diesem Moment schwebte eine kleine Libelle über den Teich. Ihre Flügel funkelten wie dünnes Glas.
„Guten Abend, Koro“, summte sie.
Koro presste sofort den Mund zu.
Die Libelle schaute verwundert. „Warum sagst du denn nichts?“
Koro machte nur ein kleines „Mmm“.
Die Libelle flog traurig weiter.
Leni legte den Kopf schief.
„Ich glaube, die Libelle hatte gar keine Angst. Sie wollte dich begrüßen.“
Koro sah ihr nach.
„Aber wenn ich antworte, kommt vielleicht das Lächeln mit.“
Fina setzte sich neben Leni.
„Vielleicht müssen wir herausfinden, wie dein Lächeln wirklich aussieht. Nicht nur im wackeligen Spiegel.“
„Der Teich zeigt alles“, sagte Koro leise.
„Nicht immer“, piepste die kleine Maus. „Wenn man sich fürchtet, wackelt man. Und wenn man wackelt, wackelt auch das Spiegelbild.“
Leni nickte. „Dann müssen wir erst den Teich beruhigen.“
Alle wurden still.
Der Wind legte sich. Pipo faltete die Flügel. Luna setzte sich ganz ruhig. Bruno atmete langsam ein und aus. Fina ließ ihren Schwanz wie eine weiche Decke neben Leni liegen.
Koro versuchte ebenfalls still zu werden.
Aber jedes Mal, wenn er an seine Zähne dachte, machte sein Schwanz plitsch unter Wasser.
„Entschuldigung“, murmelte er.
„Das ist nicht schlimm“, sagte Leni. „Wir machen es zusammen.“
Sie setzte sich ans Ufer und hielt ihren Traumstern über das Wasser.
„Schau nicht gleich auf dein ganzes Gesicht“, sagte sie. „Schau erst nur auf deine Augen.“
Koro beugte sich vor.
Der Teich wurde ein wenig glatter.
„Meine Augen sehen nicht gefährlich aus“, flüsterte er überrascht.
„Nein“, sagte Bruno. „Sie sehen freundlich aus.“
„Jetzt deine Nase“, sagte Leni.
Koro schaute.
„Die ist lang.“
„Sehr praktisch“, sagte Pipo. „Damit kann man bestimmt Sternenduft schnuppern.“
Koro musste kichern.
Ganz leise.
Sein Mund öffnete sich ein winziges Stück.
Sofort wollte er ihn wieder schließen.
„Warte“, sagte Leni sanft. „Nur ein kleines Stück. So wie eine Tür, die gute Nacht sagt.“
Koro blieb still.
Im Teich erschien ein kleines Krokodillächeln.
Es war nicht wild. Es war nicht böse. Es war schüchtern und warm.
„Oh“, sagte Koro.
„Siehst du?“, fragte Luna.
„Es sieht nett aus“, flüsterte Koro.
Da kam die Schlaflibelle zurück. Sie trug einen Tautropfen wie eine Laterne vor sich her.
„Koro?“, fragte sie. „Bist du krank?“
Koro erschrak.
Der Teich wackelte.
Sein Mund ging auf.
Und da war es: sein großes Lächeln.
Viele helle Zähne blitzten im Mondlicht.
Koro hielt die Luft an.
Die Libelle hielt ebenfalls an.
Leni hielt auch kurz den Atem an.
Dann lächelte die Libelle.
„Da bist du ja“, sagte sie.
Koro blinzelte.
„Du hast dich nicht erschrocken?“
„Ein bisschen am Anfang“, gab die Libelle zu. „Weil du so plötzlich gelächelt hast. Aber dann habe ich deine Augen gesehen.“
Fina nickte. „Augen erzählen oft, was ein Lächeln meint.“
Die Libelle flog näher.
„Dein Lächeln sieht aus wie eine helle Brücke.“
Koro schaute in den Spiegelteich.
Diesmal versuchte er nicht, den Mund zu verstecken. Er sah seine großen Zähne. Er sah seine langen Backen. Er sah seine freundlichen Augen.
Und langsam verstand er:
Sein Lächeln war groß, weil viel Freude hineinpasste.
Nicht weil es böse war.
„Vielleicht“, sagte Koro vorsichtig, „kann ich ein Teichlächeln üben.“
„Was ist ein Teichlächeln?“, fragte die kleine Maus.
Koro überlegte.
„Ein Lächeln, das langsam kommt. Damit niemand überrascht wird.“
„Ausgezeichnete Idee“, sagte die Maus. „Langsame Lächeln sind sehr vornehm.“
Nun übten alle.
Zuerst Luna.
Er ließ seine Nase zucken und lächelte so sanft, dass die blauen Blumen am Ufer heller wurden.
Dann Fina.
Ihr Lächeln war schlau und weich zugleich.
Pipo lächelte mit dem Schnabel, was ziemlich lustig aussah.
Bruno lächelte so gemütlich, dass Leni beinahe gähnen musste.
Die kleine Maus lächelte winzig, aber sehr stolz.
Dann war Koro dran.
Er atmete ein. Er atmete aus. Er dachte an die freundliche Libelle. An den Mond im Teich. An Leni, die wartete und nicht drängelte.
Dann öffnete er langsam den Mund.
Erst ein bisschen. Dann mehr. Dann ganz.
Seine Zähne leuchteten wie kleine Mondsteine.
Der Teich blieb still.
Die Schlaflibelle klatschte mit den Flügeln.
„Das ist das schönste Teichlächeln, das ich je gesehen habe.“
Aus dem Wasser tauchten drei Mondfische auf. Sie waren silbern und rund, mit schläfrigen Augen.
„Ist es vorbei?“, fragte der kleinste.
Koro wollte den Mund wieder schließen.
Doch Leni legte eine Hand auf ihr Herz.
„Langsam“, erinnerte sie ihn.
Koro lächelte langsam.
Die Mondfische schauten.
Der mittlere Fisch blubberte. „Das ist ja gar kein Knurren.“
„Nein“, sagte der größte. „Das ist eine Einladung.“
Koro strahlte.
Sein Lächeln wurde so hell, dass der Spiegelteich kleine goldene Kreise bekam.
Die Kreise wanderten über das Wasser, berührten die silbernen Gräser und weckten lauter winzige Lichter. Bald sah der ganze Teich aus, als läge ein Sternenschal darauf.
„Was passiert da?“, fragte Leni.
Luna lächelte. „Der Spiegelteich sammelt freundliche Gesichter. Wenn jemand sich traut, sich liebevoll anzuschauen, leuchtet er.“
Koro sah staunend um sich.
„Dann habe ich dem Teich geholfen?“
„Du hast dir selbst geholfen“, sagte Bruno.
„Und uns auch“, summte die Libelle. „Jetzt wissen wir, wann du dich freust.“
Koro lachte.
Diesmal versteckte er sich nicht.
Sein Lachen klang tief und weich, wie ein großer Tropfen, der in ein Kissen fällt.
Alle lachten mit.
Nicht laut. Nicht wild. Nur so, dass die Nacht warm wurde.
Nach einer Weile wurde Leni müde. Ihre Augen fühlten sich an wie kleine Muscheln, die sich schließen wollten.
Koro bemerkte es.
„Du musst schlafen.“
Leni nickte.
„Aber ich komme dich wieder besuchen.“
Koro schwamm ans Ufer.
„Dann übe ich bis dahin mein Teichlächeln.“
„Und wenn es einmal zu schnell kommt?“, fragte Leni.
Koro dachte kurz nach.
„Dann sage ich: Entschuldigung, ich habe mich nur sehr gefreut.“
„Das ist perfekt“, sagte Fina.
Die Schlaflibelle schenkte Leni einen winzigen Tautropfen. Er war so leicht, dass er nicht nass machte.
„Für dein Fenster“, sagte sie. „Damit du dich an Koros Lächeln erinnerst.“
Leni bedankte sich und nahm ihn vorsichtig.
Dann gingen sie den Wasserperlenweg zurück.
Der Garten war still. Der Apfelbaum rauschte leise. Hinter ihnen lag der Spiegelteich wieder glatt und rund im Gras. Koro schaute heraus und lächelte langsam zum Abschied.
Diesmal spiegelte sich sein Lächeln klar im Wasser.
Es sah groß aus. Und freundlich. Und genau richtig.
In Lenis Zimmer half Luna ihr durchs Fenster. Fina strich die Decke glatt. Pipo setzte den Tautropfen auf die Fensterbank, wo er wie ein winziger Mond funkelte. Bruno legte den Teddy in Lenis Arm. Die kleine Maus nahm ihren Regenhut ab und verbeugte sich.
„Gute Nacht, Leni“, flüsterte Luna.
„Gute Nacht“, murmelte Leni.
Sie kuschelte sich tief in ihr Kissen.
Draußen glänzte der Mond.
Auf der Fensterbank leuchtete der Tautropfen.
Und irgendwo hinter dem Apfelbaum übte ein Samtkrokodil ein langsames, freundliches Lächeln.
Leni lächelte auch.
Nicht groß. Nicht klein.
Einfach so, wie es gerade aus ihrem Herzen kam.
Dann schlief sie ein.
Und in ihrem Traum lag ein stiller Teich unter dem Mond.
Auf dem Wasser schwammen goldene Kreise.
Und mittendrin lächelte Koro.
Ganz langsam. Ganz mutig. Ganz lieb.
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