
Leni und das Hummelhotel in der Abendwiese
An diesem Abend lagen zwei Bilderbücher auf Lenis Bett.
Das eine handelte von einem kleinen Boot. Das andere von einem tanzenden Käfer. Leni nahm das Bootbuch in die Hand, legte es wieder hin und griff nach dem Käferbuch. Dann schaute sie doch wieder zum Boot.
„Welches soll ich nur wählen?“, murmelte sie.
Eigentlich war Leni schon müde. Ihre braunen Locken kitzelten ihre Wangen, und ihr lila Sternenschlafanzug war ganz warm unter der Decke. Aber je länger sie zwischen den Büchern hin und her überlegte, desto wacher fühlte sich ihr Kopf an.
Da begann der kleine Traumstern auf ihrem Nachttisch sanft zu glitzern.
Nicht hell. Nur so, als würde er ihr zuzwinkern.
Leni legte beide Bücher nebeneinander. „Vielleicht braucht heute noch jemand Hilfe beim Aussuchen.“
Sie berührte den Traumstern mit der Fingerspitze. Ein goldener Funke sprang auf ihre Decke, wurde rund wie eine Murmel und öffnete sich zu einem kleinen Wolkenweg.
Darauf warteten schon Lenis Freunde.
Luna, der weiße Sternenhase, trug seinen lila Schal. Fina, der orangefarbene Sternenfuchs, hatte ihr Sternencape umgelegt. Bruno, der braune Sternenbär, rückte seine gemütliche Sternenmütze zurecht. Und Pipo, der kleine Sternenvogel mit den pastellfarbenen Federn, flatterte fröhlich über ihnen.
„Komm, Leni“, zwitscherte Pipo. „In der Abendwiese summt jemand viel zu müde im Kreis.“
Gemeinsam folgten sie dem Wolkenweg. Er führte über die Dächer, unter dem runden Mond hindurch und hinab zu einer Wiese, die Leni noch nie gesehen hatte.
Zwischen grünen Gräsern standen rote Mohnblumen, blaue Glockenblumen und weiße Kleeblüten. Tautropfen hingen an den Halmen wie winzige Perlen. In der Mitte der Wiese wuchs eine besonders große, violette Blüte. Ihre Blätter bildeten Balkone, kleine runde Fenster und eine geschwungene Eingangstür.
Über der Tür stand auf einem Holzschild: Hummelhotel.
Vor dem Hotel saß eine kleine Hummel auf einem türkisfarbenen Koffer. Sie war goldgelb und braun gestreift, wunderbar flauschig und so müde, dass ihre Flügelspitzen über den Boden strichen.
„Das ist Hedi“, sagte Luna leise.
Hedi hob eine kleine Fühlerlocke. „Guten Abend. Ich möchte schlafen. Wirklich. Aber dieses Hotel hat fünf schöne Zimmer, und ich weiß nicht, welches das richtige ist.“
Eine freundliche Marienkäferdame trat aus der Tür. Sie trug eine winzige Schürze mit goldenen Knöpfen.
„Ich bin Frau Tupf“, sagte sie. „Hedi hat jedes Zimmer schon zweimal angesehen. Nun sind ihre Füße müde, ihre Flügel müde und sogar ihr Summen klingt müde.“
„Mmmmmüde“, summte Hedi und gähnte.
Leni setzte sich neben sie. „Wir schauen mit dir. Aber diesmal achten wir darauf, wie sich jedes Zimmer anfühlt.“
Als Erstes stiegen alle zum Mohnzimmer hinauf. Es lag ganz oben in der großen Blüte. Durch ein rundes Fenster konnte man über die gesamte Abendwiese sehen.
„Was für eine Aussicht!“, rief Pipo und drehte eine kleine Runde unter der Decke.
Hedi schaute hinaus. Die Gräser wiegten sich unter ihr, und der Mond spiegelte sich in hundert Tautropfen.
„Sehr schön“, sagte sie. „Aber so weit oben wackeln meine Fühler im Wind.“
Fina nickte aufmerksam. „Dann wissen wir schon etwas: Du magst es lieber näher am Boden.“
Als Nächstes besuchten sie das Lavendelzimmer. Es hatte violette Vorhänge und ein Bett aus weichen Blütenfasern.
Fina schnupperte. „Hier duftet es wunderbar.“
Hedi kroch unter die Decke. Nach einem Moment kitzelte ihre Nase.
„Hapschi!“, nieste sie. „Wunderbar für andere Hummeln. Für meine Nase ist es heute ein bisschen viel.“
„Auch das ist eine gute Antwort“, sagte Leni. „Ein schönes Zimmer muss nicht für jeden das richtige sein.“
Dann kamen sie zum Glockenblumenzimmer. Es war blau wie der Abendhimmel. Das Bett hing in einer kleinen Blütenschaukel.
Luna stupste sie vorsichtig an. Die Schaukel schwang hin und her.
„Ganz sanft“, sagte Luna.
Hedi legte sich hinein. Eine Weile sah es gemütlich aus. Doch bei jedem Schwingen rutschte ihr linker Flügel unter ihrem Bauch hervor.
„Ich glaube, mein Flügel möchte heute lieber stillliegen“, sagte sie.
„Dann hören wir auf deinen Flügel“, meinte Bruno und hielt die Schaukel an.
Im Mooszimmer stand das breiteste Bett des Hotels. Es war so groß, dass Bruno, Luna, Fina und Leni gemeinsam auf der Kante sitzen konnten. Pipo hüpfte auf dem Kissen. Es machte leise „puff“.
„Hier ist viel Platz“, sagte Bruno mit seinem warmen Lächeln.
Hedi streckte sich quer über die Matratze. Dann längs. Dann legte sie sich in die Mitte.
„Das Bett ist herrlich“, sagte sie. „Aber in so viel Platz fühle ich mich ein kleines bisschen verloren.“
Bruno nickte. „Manche mögen eine große Höhle. Andere mögen ein kleines Nest.“
Nun blieb nur noch das Kleezimmer.
Es lag im unteren Teil des Blütenhotels. Die Tür war rund und grün. Dahinter wartete ein kleines Bett mit einer Decke aus Distelflaum. Neben dem Kissen stand eine Tasse mit einem Tropfen warmem Blütennektar. Durch das Fenster konnte Hedi genau eine weiße Kleeblüte und ein Stück vom Mond sehen.
Hedi stellte ihren Koffer ab. Sie zog die Decke bis unter das Kinn.
Ihre Füße wurden still.
Ihre Flügel lagen weich an ihrem Rücken.
Ihre Fühler sanken ein kleines Stück nach unten.
Und ihre Augen blinzelten langsam.
„Oh“, machte Luna glücklich. „Dein ganzer Körper sagt schon Gute Nacht.“
Hedi lächelte. Doch plötzlich setzte sie sich wieder auf.
„Aber was, wenn das Mooszimmer doch besser ist? Oder das Mohnzimmer morgen noch schöner aussieht? Vielleicht sollte ich alle noch einmal ansehen.“
Sie schob schon ein Bein aus dem Bett.
Leni dachte an die beiden Bücher auf ihrer Decke. Sie kannte dieses Hin und Her.
„Hedi“, sagte sie, „du musst nicht das beste Zimmer für alle Nächte finden. Du darfst einfach ein gutes Zimmer für diese Nacht wählen.“
Hedi hielt inne. „Nur für diese Nacht?“
„Ja. Morgen darfst du neu wählen. Heute brauchst du keinen allerbesten Platz. Nur einen, an dem deine Füße, deine Flügel und deine Gedanken zur Ruhe kommen.“
Fina legte den Kopf schief. „Deine Füße sind hier still.“
„Deine Flügel liegen weich“, sagte Bruno.
„Deine Augen blinzeln schon“, ergänzte Luna.
Pipo setzte sich auf die Fensterbank. „Und dein Summen klingt ganz rund.“
Hedi lauschte sich selbst.
„Mmmmm“, summte sie. Diesmal war das Summen langsam und tief, wie eine winzige, warme Decke.
„Dann wähle ich das Kleezimmer“, sagte Hedi. „Für heute.“
Frau Tupf klatschte leise in ihre kleinen Käferhände. „Eine wunderbare Wahl.“
Nun half jeder ein bisschen mit. Luna schüttelte das Kissen auf. Fina stellte Hedis Schuhe ordentlich neben die Tür. Bruno hob den türkisfarbenen Koffer auf die Bank. Pipo sang einen einzigen, sanften Ton, der wie ein Sternenfunke durch das Zimmer schwebte.
Leni zog Hedi die Distelflaumdecke über den Bauch.
„Schlaf gut“, flüsterte sie.
„Schlaft ihr auch hier?“, fragte Hedi mit halb geschlossenen Augen.
Frau Tupf zeigte auf ein großes Gästezimmer gegenüber. Dort lagen fünf weiche Blätterbetten in einem Kreis.
„Natürlich“, sagte Bruno. „Wir sind ganz in der Nähe.“
Das beruhigte Hedi. Sie trank den warmen Nektartropfen, kuschelte die Nase ins Kissen und schloss die Augen.
Draußen neigten sich die Blumen der Abendwiese zueinander. Ein Grashalm legte sich wie ein grüner Vorhang vor das Fenster. Der Mond wanderte langsam ein Stück weiter. Im Hummelhotel wurden eine Tür nach der anderen und ein Fenster nach dem anderen still.
Aus dem Kleezimmer kam ein leises Geräusch.
„Mmmmm“, machte Hedi im Schlaf.
Diesmal musste niemand ihr Summen beruhigen. Es gehörte einfach zu ihr. Es klang zufrieden und weich.
Leni und ihre Freunde kuschelten sich in ihre Blätterbetten. Luna rollte seinen Schal als Kopfkissen zusammen. Fina legte den buschigen Schwanz um ihre Pfoten. Bruno deckte alle mit einer großen, warmen Moosdecke zu. Pipo steckte den Schnabel unter den Flügel.
„Manchmal“, flüsterte Leni, „wird eine Entscheidung leichter, wenn sie nicht für immer gelten muss.“
„Für heute reicht“, murmelte Bruno schläfrig.
„Für heute reicht“, wiederholten die anderen.
Der Traumstern brachte Leni später sanft zurück in ihr Zimmer. Die beiden Bilderbücher lagen noch immer auf der Decke.
Leni nahm das Buch mit dem kleinen Boot.
„Du bist heute dran“, sagte sie. Dann legte sie das Käferbuch auf den Nachttisch. „Und du vielleicht morgen.“
Schon beim ersten Bild wurden ihre Augen schwer. Sie dachte an Hedi im Kleezimmer, an die kleine weiße Kleeblüte vor dem Fenster und an den Satz, der sich so gemütlich anfühlte wie eine Decke:
Für heute reicht.
Leni kuschelte sich tief in ihr Kissen. Draußen stand der Mond über den Dächern. Und weit hinten in der Abendwiese schlief eine kleine Hummel ruhig in dem Zimmer, das für diese Nacht genau richtig war.
Ganz warm.
Ganz zufrieden.
Ganz geborgen.
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