Lenis Traumwelt - Geschichten zum Träumen
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Leni sitzt mit Oskar, Ellen und Thea am Abend auf dem Deck eines großen Weltreiseschiffs, waehrend unter einem Sternenhimmel blaues Meeresleuchten neben dem Schiff funkelt.

ca. 13 Min. · 1.929 Wörter

Leni und das erste Leuchten auf dem Weltreiseschiff

Am Abend lag Leni nicht in ihrem eigenen Bett.

Das war heute das Besondere.

Leni lag in einem kleinen Bett auf einem großen Schiff. Das Bett hatte eine weiche weiße Decke, ein rundes Kissen und einen kleinen Rand, damit man beim Schlafen nicht herauskullerte. Durch das Fenster konnte Leni nicht den Garten sehen. Sie konnte auch nicht den Baum vor ihrem Zimmer sehen.

Sie sah das Meer.

Es war dunkelblau und weit und ganz ruhig. Das Schiff schaukelte nur ein winziges bisschen. Hin und her. Hin und her. So leise, als würde eine große Hand das ganze Schiff sanft wiegen.

Mama saß neben Leni und strich ihr über die Haare.

„Morgen sehen wir ein neues Land“, sagte Mama leise.

Papa stand am kleinen Schrank und legte Lenis Kuscheljacke ordentlich zusammen. „Und heute schlafen wir zum ersten Mal auf unserer Weltreise.“

Leni drückte ihren Teddy an sich. „Fährt das Schiff auch, wenn ich schlafe?“

„Ja“, sagte Mama. „Ganz langsam durch die Nacht.“

Leni lauschte.

Draußen machte das Meer schschsch. Das Schiff machte brummm. Irgendwo klang eine kleine Glocke. Nicht laut. Nur ein helles Kling, das sofort wieder in der Nacht verschwand.

„Ich mag das Schiff“, flüsterte Leni.

Mama lächelte. „Das Schiff mag dich bestimmt auch.“

Nach dem Gute-Nacht-Kuss wurde es still. Mama und Papa gingen noch einmal leise auf den Balkon vor der Kabine. Die Tür blieb einen kleinen Spalt offen, damit Leni das Meer hören konnte.

Leni schloss die Augen.

Aber sie schlief noch nicht.

Alles war neu.

Das Bett war neu. Das Fenster war neu. Das Meer war neu. Und das leise Schaukeln war auch neu. Es war schön, aber Leni musste sich erst daran gewöhnen.

Da hörte sie draußen auf dem Gang ein kleines Lachen.

Dann flüsterte jemand: „Pssst, Thea, nicht so laut. Vielleicht schlafen hier schon Kinder.“

Eine andere Stimme sagte: „Ich bin leise. Ich lache nur innen laut.“

Leni öffnete die Augen.

Kurz darauf klopfte es ganz vorsichtig an die Kabinentür.

Tipp.

Tipp.

Papa schaute herein. „Leni? Drei Kinder vom Nachbardeck gehen mit ihren Eltern noch kurz nach oben, um den Mond über dem Meer anzusehen. Möchtest du auch noch einmal mitkommen? Danach schlafen wir aber wirklich.“

Leni setzte sich sofort auf. „Ja.“

Mama half ihr in die Kuscheljacke. Teddy durfte natürlich mit. Dann gingen sie zusammen durch den warm beleuchteten Gang. Überall roch es ein bisschen nach Holz, nach sauberer Decke und nach salziger Nachtluft.

Oben auf dem Deck war der Himmel riesengroß.

Leni blieb stehen und staunte.

Über ihr funkelten so viele Sterne, dass sie gar nicht zählen konnte. Der Mond lag hell über dem Wasser. Das Meer sah aus, als hätte jemand silberne Fäden darauf gelegt. Das Schiff glitt ganz ruhig hindurch.

Am Geländer standen drei Kinder.

Ein Junge mit lockigen Haaren winkte. „Hallo. Ich bin Oskar.“

Neben ihm stand ein Mädchen mit einer gelben Jacke. Sie hielt ein kleines Fernglas in der Hand. „Ich bin Ellen.“

Das dritte Kind hatte zwei kleine Zöpfe und eine Decke um die Schultern. „Und ich bin Thea. Ich bin schon fast groß. Aber ich nehme meine Decke trotzdem mit.“

Leni lächelte. „Ich bin Leni. Und das ist Teddy.“

„Hallo Teddy“, sagte Oskar sofort sehr ernst.

Ellen hob das Fernglas. „Wir suchen das erste Leuchten.“

Leni blinzelte. „Was ist das erste Leuchten?“

Thea zeigte aufs Meer. „Oskars Oma sagt, manchmal leuchtet das Wasser abends. Ganz klein. Wie Sterne, die baden gehen.“

Oskar nickte. „Das passiert nicht immer. Nur wenn die Nacht sehr lieb ist.“

Leni schaute auf das dunkle Wasser. Erst sah sie nur Wellen. Kleine, runde Wellen, die neben dem Schiff entlangliefen.

Dann sah sie etwas.

Ganz kurz.

Ein winziger blauer Punkt blitzte im Wasser auf.

„Da!“, flüsterte Leni.

Alle beugten sich vorsichtig zum Geländer.

Wieder leuchtete es.

Diesmal waren es drei kleine Punkte. Sie funkelten blau und grün und verschwanden gleich wieder.

Ellen atmete staunend ein. „Das erste Leuchten.“

Thea zog ihre Decke enger um sich. „Es sieht aus, als würde das Meer träumen.“

Oskar sagte nichts. Er lächelte nur.

Eine Weile standen sie alle nebeneinander. Die Erwachsenen redeten leise im Hintergrund. Das Schiff fuhr weiter. Unter dem Bauch des Schiffes plätscherte das Wasser. Immer wieder blitzte ein kleines Licht auf.

Leni fühlte sich auf einmal gar nicht mehr so fremd auf dem großen Schiff.

Sie kannte Oskar erst seit ein paar Minuten. Ellen auch. Thea auch. Aber gemeinsam aufs Meer zu schauen fühlte sich an, als hätte man schon ein kleines Geheimnis geteilt.

„Kommt ihr auch morgen zum Kinderdeck?“, fragte Ellen.

„Was ist das?“, fragte Leni.

„Ein Platz mit Kissen, Büchern und kleinen Schiffen zum Spielen“, erklärte Oskar. „Manchmal malt man dort Länder, die man noch nicht kennt.“

„Und manchmal gibt es Obststücke“, sagte Thea. „Die sind wichtig.“

Leni musste lachen. „Ich komme.“

Da leuchtete das Meer plötzlich stärker.

Direkt neben dem Schiff zog ein langer sanfter Streifen durch das Wasser. Er war blau wie der Abendhimmel und grün wie ein Blatt im Mondlicht. Der Streifen bewegte sich mit den Wellen, ganz weich und langsam.

„Vielleicht sagt das Meer Gute Nacht“, flüsterte Leni.

Oskar nickte. „Vielleicht sagt es: Willkommen auf der Weltreise.“

Ellen nahm das Fernglas herunter. „Oder es zeigt uns den Weg.“

Thea gähnte. „Ich glaube, es zeigt mir den Weg ins Bett.“

Da lachten alle. Aber nur leise, weil die Nacht so schön ruhig war.

Papa legte Leni eine Hand auf die Schulter. „Zeit zum Schlafen, kleine Reisende.“

Leni nickte. Sie wollte noch bleiben. Aber ihre Augen wurden schon schwer.

„Gute Nacht, Leni“, sagte Ellen.

„Gute Nacht, Teddy“, sagte Oskar.

„Bis morgen auf dem Kinderdeck“, murmelte Thea und gähnte noch einmal.

„Bis morgen“, sagte Leni.

Zurück in der Kabine fühlte sich alles schon ein bisschen bekannter an. Das kleine Bett war immer noch neu, aber nicht mehr fremd. Das Fenster zeigte immer noch das Meer, aber jetzt war es Lenis Meer für diese Nacht.

Mama deckte sie zu. Papa setzte Teddy neben ihr Kissen.

„Hast du neue Freunde gefunden?“, fragte Mama.

„Ja“, flüsterte Leni. „Oskar, Ellen und Thea. Und das Meer hat geleuchtet.“

„Dann war das ein guter erster Abend“, sagte Papa.

Leni nickte müde.

Mama küsste sie auf die Stirn. „Schlaf schön. Das Schiff passt auf uns auf.“

Papa löschte das helle Licht. Nur eine kleine Nachtlampe blieb an. Sie leuchtete warm und rund, fast wie ein winziger Mond.

Leni kuschelte sich tief in die Decke.

Das Schiff machte brummm.

Das Meer machte schschsch.

Das Bett machte wieg.

Wieg.

Wieg.

Leni dachte an Oskars lockige Haare. An Ellens gelbe Jacke. An Theas Decke. An die Sterne über dem Deck und an das blaue Leuchten im Wasser.

Aber dann hörte sie noch etwas.

Es war ein kleines, feines Pling.

Leni öffnete ein Auge.

Draußen vor dem Fenster glitzerte ein winziger blauer Punkt. Dann noch einer. Und noch einer. Sie tanzten im Wasser neben dem Schiff.

Leni setzte sich nicht auf. Sie war viel zu müde. Aber sie lächelte.

„Gute Nacht, erstes Leuchten“, flüsterte sie.

Da schien das Wasser noch einmal ganz sanft heller zu werden.

In Lenis Gedanken wurde das Meer zu einer großen weichen Decke. Das Schiff wurde zu einem kleinen Bett auf dieser Decke. Und alle Kinder auf dem Schiff lagen sicher darin: Leni, Oskar, Ellen, Thea und viele andere, die sie noch nicht kannte.

Vielleicht träumten sie alle vom selben Meer.

Vielleicht träumte Oskar von einem freundlichen Wal, der leise unter dem Schiff schwamm.

Vielleicht träumte Ellen von einer Insel mit Palmen und Muscheln, die im Sand glänzten.

Vielleicht träumte Thea von einem Kissenberg, der auf jeder Welle mitreiste.

Und Leni träumte, dass das Schiff nicht nur über Wasser fuhr, sondern durch einen Himmel aus blauen Sternen.

Am nächsten Morgen wurde Leni von einem leisen Ruf geweckt.

Nicht von Mama.

Nicht von Papa.

Vom Meer.

Natürlich rief das Meer nicht mit Worten. Es rauschte nur. Aber Leni fand, es klang wie: Wach auf, kleine Weltreisende. Heute wartet der erste Tag.

Sonnenlicht lag auf der Decke. Das Fenster war hell. Das Wasser draußen war nun nicht dunkelblau, sondern türkis und silbern. Weit weg sah Leni einen kleinen Streifen Land.

„Mama“, sagte sie sofort. „Da ist etwas!“

Mama kam ans Fenster. „Das ist unsere erste Insel.“

Leni sprang nicht aus dem Bett, denn Mama sagte immer: Erst langsam aufstehen. Aber in ihrem Bauch hüpfte die Freude schon herum.

Nach dem Frühstück ging Leni mit Mama und Papa zum Kinderdeck. Dort lagen bunte Kissen auf dem Boden. An einer Wand hing eine große Karte. Darauf waren viele blaue Flächen für das Meer und viele bunte Formen für Länder und Inseln.

Oskar war schon da.

„Leni!“, rief er und winkte.

Ellen saß auf einem Kissen und malte kleine Wellen auf ein Blatt Papier. Thea sortierte Obststücke auf einem Teller. Bananen nach links, Melone nach rechts, Trauben in die Mitte.

„Ich teile“, sagte Thea stolz. „Aber die Trauben brauchen einen Platz für sich.“

Leni setzte sich zu ihnen.

„Hast du vom Leuchten geträumt?“, fragte Ellen.

Leni nickte. „Und vom Schiff im Sternenmeer.“

Oskar nahm ein blaues Papier. „Dann malen wir das.“

Gemeinsam malten sie ein großes Schiff. Leni malte runde Fenster. Oskar malte hohe Schornsteine. Ellen malte Sterne, die ins Wasser fielen. Thea malte eine Decke auf das Deck, damit niemand frieren musste.

Dann klebten sie kleine glitzernde Punkte um das Schiff.

„Das ist unser erstes Leuchten“, sagte Leni.

Eine Betreuerin kam vorbei und lächelte. „Das sieht nach einem besonderen Reisebild aus.“

„Das ist der Anfang“, sagte Ellen.

„Von was?“, fragte die Betreuerin.

Oskar überlegte. „Von unserer Weltreise-Freundschaft.“

Thea nickte sehr ernst. „Mit Obst.“

Alle lachten.

Später gingen die vier Kinder mit ihren Eltern hinaus auf das Deck. Die Insel kam näher. Sie sah grün aus. Am Ufer standen helle Häuser, und dahinter wuchsen Bäume, die Leni noch nie gesehen hatte.

Eine Möwe flog neben dem Schiff her.

Pipo hätte bestimmt mit ihr geredet, dachte Leni kurz. Dann musste sie lächeln. Ihre alten Freunde aus den Sternennächten waren weit weg in ihrer Traumwelt. Aber diese Reise war anders. Hier hatte Leni neue Freunde gefunden. Richtige Reisefreunde. Oskar, Ellen und Thea.

Und vielleicht, dachte Leni, konnte eine Weltreise genauso zauberhaft sein wie ein Traum.

Nur roch sie mehr nach Salz, Sonnencreme und Frühstücksbrötchen.

Am Abend, als die Sonne wieder tiefer sank, standen Leni, Oskar, Ellen und Thea noch einmal am Geländer.

Die erste Insel lag nun hinter ihnen. Das Schiff fuhr weiter. Morgen würde ein neuer Ort kommen. Und übermorgen noch einer. Die Welt war groß, aber auf dem Deck fühlte sie sich gar nicht zu groß an.

„Glaubt ihr, das Meer leuchtet heute wieder?“, fragte Oskar.

„Vielleicht“, sagte Ellen.

„Vielleicht nur, wenn wir ganz leise sind“, sagte Leni.

Also wurden alle still.

Thea hielt ihre Decke fest. Ellen hielt ihr Fernglas. Oskar hielt sich am Geländer. Leni hielt Teddy.

Lange passierte nichts.

Dann blitzte im Wasser ein kleiner Punkt.

Blau.

Dann noch einer.

Grün.

Dann ein ganzer weicher Streifen.

Das erste Leuchten war wieder da.

Aber diesmal war es nicht mehr ganz das erste. Es war das zweite. Oder vielleicht war es einfach das Leuchten, das immer wiederkam, wenn man ruhig genug hinschaute.

Leni atmete tief ein. Die Nachtluft schmeckte salzig und frisch.

„Gute Nacht, Meer“, flüsterte sie.

„Gute Nacht, Schiff“, sagte Oskar.

„Gute Nacht, Insel“, sagte Ellen.

„Gute Nacht, Obstteller“, murmelte Thea schläfrig.

Leni kicherte.

Dann gingen sie alle zurück zu ihren Kabinen.

In dieser Nacht schlief Leni schneller ein. Das Schiff schaukelte. Das Meer rauschte. Die kleine Lampe leuchtete.

Und draußen, neben dem großen Weltreiseschiff, tanzten die blauen Lichter durch die dunklen Wellen.

Sie begleiteten Leni und ihre neuen Freunde durch die Nacht.

Ganz sanft.

Ganz leise.

Und ganz geborgen.