
Leni und der Lavendelduft im Mondtopf
Leni und der Lavendelduft im Mondtopf
Es war Abend in Lenis Zimmer.
Die Zahnbürste stand wieder im Becher. Der Schlafanzug war weich. Der Teddy wartete schon unter der Decke, und der kleine Traumstern auf dem Nachttisch leuchtete so warm, als hätte er ein winziges Stück Sonnenuntergang aufgehoben.
Draußen war die Nacht dunkelblau.
Am Fenster stand ein kleiner Topf mit Lavendel. Tagsüber sah er ganz gewöhnlich aus. Ein bisschen grün, ein bisschen lila, ein bisschen krümelige Erde.
Aber heute Abend duftete er nicht.
Leni merkte es sofort, als sie ins Bett kletterte.
„Hm“, flüsterte sie. „Du riechst ja gar nicht nach Gute Nacht.“
Der Lavendel sagte nichts. Pflanzen sagten am Tag selten etwas. In der Nacht war das manchmal anders.
Leni zog die Decke bis zu ihrem Kinn. Sie wollte gerade die Augen schließen, da raschelte es auf der Fensterbank.
Nicht laut.
Nur so:
Sssst.
Als würde jemand mit einem sehr kleinen Besen über ein Blatt streichen.
Leni setzte sich auf.
Zwischen den Lavendelstängeln stand ein winziger lila Schimmer. Er sah aus wie eine kleine Wolke mit Füßen. Seine Nase war rund, seine Augen glänzten müde, und auf seinem Kopf saß ein Blütenhütchen.
„Entschuldigung“, flüsterte der Schimmer. „Ich sollte eigentlich duften.“
Leni blinzelte.
„Bist du der Lavendelduft?“
Der kleine Schimmer nickte.
„Ich heiße Lavo. Normalerweise schwebe ich abends ganz langsam durchs Zimmer. Ich kitzle die Kissen nur ein bisschen. Ich mache die Luft weich. Ich erinnere die Augen daran, dass sie zufallen dürfen.“
„Und heute?“
Lavo sah auf seine winzigen Füße.
„Heute bin ich stecken geblieben.“
Da klopfte es ans Fenster.
Tipp. Tipp. Tipp.
Luna, der kleine Sternenhase, saß draußen auf dem Fensterbrett. Sein Fell schimmerte weiß wie Mondmilch. Neben ihm stand Fina, der Sternenfuchs, mit wachen, freundlichen Augen. Pipo, der leuchtende Vogel, flatterte in der Luft und machte dabei kaum Wind. Bruno, der große Bär, winkte mit seiner warmen Tatze. Auf Lunas Rücken saß die kleine Maus und hielt ein winziges Blatt wie einen Fächer.
„Guten Abend, Leni“, flüsterte Luna.
„Wir haben einen Duftnotfall“, piepste die kleine Maus.
„Einen sehr zarten“, sagte Fina.
Bruno nickte. „Zarte Dinge brauchen besonders ruhige Hilfe.“
Leni schlug die Decke zurück und nahm ihren Traumstern. „Dann helfen wir.“
Lavo zeigte auf den Lavendeltopf.
Zwischen den Stängeln führte eine kleine Treppe aus Wurzelkringeln nach unten. Am Tag hätte Leni sie nie gesehen. Jetzt leuchtete jede Stufe violett und silbern.
„Dort unten ist der Mondtopf“, erklärte Lavo. „Da sammeln wir Duft, bevor wir ihn in die Zimmer schicken.“
„Wir?“ fragte Leni.
„Alle kleinen Düfte“, sagte Lavo. „Kissenwarm, Apfelschale, Regenluft, frisch gewaschene Decke. Aber heute bin ich allein dran, weil Lavendel gut zum Einschlafen ist.“
Leni kletterte mit ihren Freunden vorsichtig zwischen die Blätter. Der Traumstern wurde in ihrer Hand klein wie eine Murmel, aber er leuchtete weiter. Gemeinsam stiegen sie die Wurzeltreppe hinab.
Unten war es nicht erdig und dunkel, wie Leni erwartet hatte.
Unten war es warm.
Der Mondtopf war innen viel größer als außen. Seine Wände bestanden aus weicher Erde, aber darin glitzerten kleine helle Körnchen. Über ihnen hingen Lavendelblüten wie lila Lampen. In der Mitte lag eine runde Mulde voller silbernem Dunst.
Der Dunst sollte schweben.
Aber er tat es nicht.
Er lag zusammengefaltet in der Mulde wie eine Decke, die sich nicht ausbreiten wollte.
„Da ist mein Duft“, sagte Lavo leise. „Er will nicht los.“
Pipo flog einmal darüber hinweg.
„Er sieht müde aus.“
„Vielleicht zu müde“, meinte Luna.
Fina schnupperte. „Und ein bisschen verknotet.“
Tatsächlich hatte der Dunst lauter kleine Schlaufen. Eine Schlaufe roch nach Eile. Eine roch nach zu vielen Geräuschen. Eine roch nach dem hellen Licht im Flur. Und eine ganz kleine roch nach Sorge.
Leni kniete sich an die Mulde.
„Warum willst du nicht schweben?“ fragte sie den Duft.
Der silberne Dunst wackelte.
Dann flüsterte er: „Ich weiß nicht, wie leise leise genug ist.“
Lavo seufzte. „Ich habe es versucht. Ich wollte schneller duften, damit Leni schneller einschläft. Da bin ich zu fest geworden.“
Die kleine Maus stellte sich auf den Rand der Mulde.
„Ein Duft darf nicht schubsen“, sagte sie streng. „Ein Duft muss einladen.“
Bruno lächelte. „Dann laden wir ihn ein.“
Leni legte den Traumstern neben die Mulde. Das Licht wurde sanft und golden. Nicht hell. Nur warm.
„Vielleicht braucht der Duft einen Weg“, sagte Leni.
Luna nickte und setzte seine Pfoten in die Erde. Wo er stand, entstanden kleine weiche Spuren.
Fina strich mit ihrem Schwanz drei schmale Bahnen in den Dunst. „Eine für Ruhe. Eine für Wärme. Eine für Träume.“
Pipo flatterte so langsam, dass nur ein Hauch entstand.
Bruno setzte sich an den Rand und atmete tief ein.
Dann tief aus.
Die ganze Höhle wurde ruhiger.
Leni spürte, wie ihre Schultern sanken.
„So“, sagte sie. „Nicht ziehen. Nicht pusten. Nur zeigen.“
Sie nahm eine winzige Dunstschlaufe zwischen zwei Finger. Sie war so leicht, dass sie fast gar nichts wog. Vorsichtig legte Leni sie auf Lunas Pfotenspur.
Die Schlaufe entrollte sich ein Stück.
„Oh“, flüsterte Lavo.
Der Duft roch nun ein bisschen nach frisch ausgeschütteltem Kissen.
„Nochmal“, sagte Leni.
Die kleine Maus fächelte mit ihrem Blatt. Nur einmal. Ganz sachte.
Eine zweite Schlaufe löste sich.
Sie roch nach Mamas Hand, die abends über Lenis Haar strich.
Pipo schloss die Augen. „Das ist ein guter Geruch.“
„Sehr gut“, brummte Bruno.
Nach und nach entfalteten sie den Duft. Nicht schnell. Nicht mit Drängen. Immer nur eine kleine Schlaufe.
Die Eile-Schlaufe durfte in eine Ecke und sich ausruhen.
Die Geräusch-Schlaufe bekam ein Moospolster, damit sie leiser wurde.
Die Licht-Schlaufe legte sich unter ein Lavendelblatt, wo es dämmrig war.
Nur die Sorge-Schlaufe blieb fest.
Sie war klein, aber sie hielt sich zusammen wie eine winzige Faust.
Lavo schaute sie traurig an. „Die gehört mir.“
„Was sorgt dich?“ fragte Leni.
Lavo setzte sich neben die Mulde.
„Wenn ich nicht stark genug dufte, merkt mich niemand. Und wenn mich niemand merkt, war ich vielleicht gar nicht wichtig.“
In der Höhle wurde es ganz still.
Leni kannte das Gefühl ein bisschen. Manchmal wollte sie auch etwas besonders gut machen und wurde dabei ganz kribbelig.
Sie nahm Lavo vorsichtig auf ihre Handfläche.
„Manche Dinge sind wichtig, gerade weil sie nicht laut sind“, sagte sie. „Eine Decke ruft nicht. Sie liegt einfach da und wärmt.“
Bruno nickte langsam. „Und ein Bär muss auch nicht immer brummen.“
Die kleine Maus sah ihn an.
Bruno ergänzte: „Meistens.“
Lavo musste leise lachen.
Da lockerte sich die Sorge-Schlaufe ein kleines Stück.
Fina beugte sich zu ihr hinunter. „Du musst nicht beweisen, dass du da bist. Du darfst einfach da sein.“
Luna legte ein Lavendelblättchen daneben.
Pipo sang keinen Ton. Er hielt nur seine Flügel still.
Leni atmete ein.
Langsam.
Dann aus.
Die Sorge-Schlaufe löste sich.
Sie wurde nicht groß. Sie wurde nicht hell. Sie wurde ein feiner silbervioletter Faden, der sich mit den anderen Duftfäden verband.
Plötzlich hob sich der ganze Dunst aus der Mulde.
Er schwebte.
Ganz langsam.
Wie ein Traum, der den Weg kennt.
Lavo strahlte. Sein Blütenhütchen wackelte vor Freude.
„Jetzt kann ich wieder duften!“
„Dann aber nicht rennen“, sagte die kleine Maus.
„Düfte rennen nicht“, sagte Lavo.
„Heute schon beinahe“, murmelte Fina.
Alle lachten leise.
Der Duft schwebte zur Wurzeltreppe. Leni und ihre Freunde folgten ihm. Hinauf, Stufe für Stufe, bis sie wieder zwischen den Lavendelstängeln auf der Fensterbank standen.
Das Zimmer wartete dunkel und freundlich.
Der Duft stieg aus dem Topf.
Er glitt nicht wie Rauch. Er hüpfte nicht wie Licht. Er zog einfach langsam durch die Luft, so sanft, dass nicht einmal der Teddy erschrak.
Zuerst berührte er das Kissen.
Dann die Decke.
Dann Lenis Haar.
Das Zimmer roch nach Lavendel, aber nicht zu stark. Es roch nach Abend. Nach offenem Fenster. Nach einem Garten, der weiterschlief, obwohl niemand hinsah.
Leni gähnte.
„Das ist genau richtig“, flüsterte sie.
Lavo verbeugte sich. „Nicht zu viel?“
„Nicht zu viel.“
„Nicht zu wenig?“
„Auch nicht.“
Die kleine Maus nickte zufrieden. „Eine sehr ordentliche Duftmenge.“
Luna half Leni zurück ins Bett. Fina strich die Decke glatt. Pipo setzte den Traumstern auf den Nachttisch. Bruno legte den Teddy in Lenis Arm. Die kleine Maus stellte den Lavendeltopf ein Stück näher ans Fenster, damit er Mondluft bekam.
Lavo setzte sich zwischen zwei Blüten und wurde ganz durchsichtig.
„Gute Nacht, Leni“, flüsterte er.
„Gute Nacht, Lavo“, murmelte Leni.
Ihre Freunde winkten leise vom Fenster.
Draußen stand der Mond am Himmel.
Drinnen schwebte der Lavendelduft durch das Zimmer. Er drängte nicht. Er zog nicht. Er war einfach da.
Leni dachte an die kleine Sorge-Schlaufe, die sich gelöst hatte.
Sie dachte daran, dass man nicht laut sein musste, um wichtig zu sein.
Dann wurde ihr Atem ruhig.
Ein.
Aus.
Ein.
Aus.
Der Lavendeltopf leuchtete silberviolett.
Der Traumstern lächelte auf dem Nachttisch.
Und Leni schlief ein.
Ganz weich.
Ganz warm.
Ganz gute Nacht.
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