Lenis Traumwelt
Leni sitzt mit Luna, Fina, Bruno und Pipo unter einem leuchtenden Sternenbaum, während ein kleines goldenes Blatt sanft in ein weiches Blätterbett schwebt.

ca. 11 Min. · 1.672 Wörter

0:00 / 0:00mp3
txt

Leni und das Blätterbett im Sternenbaum

An diesem Abend war Lenis Zimmer besonders still.

Draußen hatte der Wind den ganzen Tag mit den Bäumen gespielt. Er hatte an den Zweigen gewackelt, die Blätter gekitzelt und kleine goldene Wirbel über den Garten gepustet.

Jetzt war es Nacht.

Der Wind war müde geworden.

Nur manchmal strich er noch ganz leise am Fenster vorbei.

Huuusch.

Leni lag in ihrem Bett und hatte die Decke bis zur Nasenspitze gezogen. Neben ihr lag Teddy. Auf dem Nachttisch funkelte ihr Traumstern, warm und freundlich.

„Gute Nacht, kleiner Stern“, flüsterte Leni.

Da klopfte etwas an die Fensterscheibe.

Nicht hart.

Nicht laut.

Nur ganz zart.

Tipp.

Tipp.

Tipp.

Leni blinzelte. Am Fenster klebte ein kleines goldenes Blatt. Es leuchtete an den Rändern, als hätte der Mond es mit Honig bestrichen.

Dann rutschte das Blatt ein Stück nach unten und zitterte.

„Oh“, flüsterte Leni. „Du siehst aus, als bräuchtest du Hilfe.“

In diesem Moment erschienen zwei lange weiße Ohren hinter dem Fensterbrett. Luna, der kleine Sternenhase, schaute herein. Sein lila Schal lag weich um seinen Hals.

„Guten Abend, Leni“, sagte Luna leise.

Neben ihm sprang Fina, der Sternenfuchs, auf die Fensterbank. Ihre klugen Augen betrachteten das Blatt ganz genau.

Pipo flatterte über ihnen und hielt ein winziges Sternenlicht im Schnabel.

Unten im Garten stand Bruno, der Sternenbär, mit einer großen, weichen Tasche aus Wolkenstoff.

„Das Blatt kommt vom Sternenbaum“, erklärte Fina.

„Vom Sternenbaum?“ Leni setzte sich auf.

Pipo nickte so eifrig, dass seine bunten Federn wackelten. „Dort machen die Blätter jede Nacht Raschelschlaf.“

„Was ist Raschelschlaf?“, fragte Leni.

Bruno lächelte von unten herauf. „Ein sehr leiser Schlaf. So leise, dass sogar müde Gedanken ihn mögen.“

Luna stupste das goldene Blatt vorsichtig mit der Nase an. „Aber heute raschelt der Sternenbaum nicht. Ein kleines Blatt hält sich zu fest.“

Das Blatt an der Scheibe zitterte wieder.

Leni schlug die Decke zurück. „Dann schauen wir nach.“

Der Traumstern auf dem Nachttisch wurde heller. Sein Licht floss über den Teppich und bis zum Fenster. Dort entstand eine schmale Treppe aus Mondstaub. Jede Stufe war weich wie ein Kissen und glitzerte ein bisschen.

Leni nahm Teddy unter den Arm und stieg hinaus. Luna hoppelte neben ihr. Fina ging vorneweg und prüfte den Weg. Pipo flog kleine Kreise über ihren Köpfen. Bruno wartete am Ende der Treppe und hielt seine Wolkenstofftasche offen.

„Falls jemand etwas Weiches braucht“, sagte er.

Der Mondstaubweg führte sie über die schlafenden Dächer, an einem Kamin vorbei, aus dem nur noch ein winziges Traumwölkchen kam, und dann hinauf zu einem Hügel, den Leni noch nie gesehen hatte.

Auf dem Hügel stand ein Baum.

Er war riesengroß.

Sein Stamm schimmerte silbern. Seine Zweige reichten bis in den Sternenhimmel. An ihnen hingen Blätter in Gold, Rosa, Kupfer und sanftem Lila. Manche sahen aus wie kleine Herzen. Manche waren rund wie Monde. Manche waren schmal wie Federn.

Unter dem Baum lag ein weiches Bett aus Blättern.

Es raschelte nicht.

Alles war still.

Zu still.

„Guten Abend, Sternenbaum“, sagte Leni vorsichtig.

Der Baum bewegte einen Zweig. Viele Blätter glitzerten, aber keines fiel.

„Guten Abend, Leni“, rauschte der Baum. Seine Stimme klang wie ein freundlicher Wald ganz weit weg. „Gut, dass du gekommen bist.“

Hoch oben an einem dünnen Zweig hing ein kleines Blatt. Es war gelb wie warmer Tee und hatte einen winzigen Sternpunkt in der Mitte. Das Blatt hielt sich mit beiden Blattspitzen fest.

„Das ist Lilo“, flüsterte Luna.

„Lilo soll heute in das Blätterbett schweben“, sagte der Sternenbaum. „Dann kann der Raschelschlaf beginnen. Aber Lilo traut sich nicht loszulassen.“

Leni schaute hinauf. „Hallo, Lilo.“

Das kleine Blatt zitterte. „Hallo.“

„Warum magst du nicht hinunterschweben?“

Lilo drückte sich an den Zweig. „Weil ich nicht weiß, wo ich dann lande. Ob es weich ist. Ob der Baum mich noch kennt. Ob ich dann allein bin.“

Das verstand Leni sofort. Manchmal fühlte sich etwas Neues auch für sie ganz groß an. Ein dunkles Zimmer. Ein fremder Weg. Ein Abschied am Abend.

„Loslassen kann sich komisch anfühlen“, sagte Leni.

„Sehr komisch“, flüsterte Lilo.

Fina setzte sich unter den Baum und schnupperte. „Der Boden ist weich. Aber vielleicht sieht Lilo das von oben nicht.“

Pipo flog hinauf, aber nicht zu nah. „Von hier oben sieht das Blätterbett wirklich klein aus“, piepste er.

Bruno legte seine Wolkenstofftasche ab. „Dann machen wir es größer.“

„Und gemütlicher“, sagte Luna.

„Und sichtbarer“, sagte Fina.

Leni klatschte leise in die Hände. „Wir bauen ein richtiges Sternen-Blätterbett.“

Zuerst sammelte Bruno mit seinen großen Tatzen die weichsten Blätter. Er nahm nur die, die schon unten lagen und darauf warteten, gekuschelt zu werden. Er stapelte sie nicht hoch und wild, sondern rund und sanft, wie ein Nest.

Luna hoppelte um das Bett herum und verteilte kleine Lichtpunkte. Sein Herzleuchten schimmerte auf jedem Blatt, das es berührte.

Fina suchte mit wachem Blick den besten Platz. „Hier ist der Wind ruhig. Hier kommt kein Zweig in den Weg. Und hier kann Lilo direkt landen.“

Pipo flog über das Bett und sang ein winziges Lied:

„Blatt so klein,

du bist nicht allein,

Wind trägt sacht,

Baum hält Wacht.“

Das Lied war so leise, dass es fast nur aus Atem bestand.

Aber die Blätter hörten es.

Ein rosa Blatt unten im Bett raschelte ganz vorsichtig.

Rsch.

Ein kupfernes Blatt antwortete.

Raschel.

Dann noch eins.

Rsch-rsch.

Der Sternenbaum seufzte erleichtert. „Das ist schon ein Anfang.“

Lilo schaute hinunter. „Es sieht schön aus“, sagte sie. „Aber was, wenn ich falle?“

Bruno hob eine Tatze. „Dann fällst du weich.“

„Und wenn ich mich drehe?“

Pipo machte eine kleine Drehung in der Luft. „Dann drehe ich mit.“

„Und wenn ich Angst bekomme?“

Luna sah zu Lilo hinauf. „Dann leuchten wir für dich.“

„Und wenn ich den Zweig vermisse?“

Fina legte den Kopf schief. „Dann darfst du ihn vermissen. Vermissen ist nicht falsch.“

Leni trat dicht an den Stamm und legte eine Hand darauf. Der Sternenbaum fühlte sich warm an.

„Lilo“, sagte Leni, „ich glaube, der Baum vergisst dich nicht, nur weil du in sein Blätterbett schwebst.“

Der Sternenbaum rauschte ganz weich. „Niemals. Jedes Blatt bleibt Teil meiner Geschichte.“

Lilo wurde still.

Der Mond stand über dem Hügel und sah freundlich zu. Ein paar Sterne rückten näher, als wollten sie besser sehen.

„Vielleicht“, sagte Lilo nach einer Weile, „könnte ich erst eine Blattspitze loslassen.“

„Das ist ein guter Anfang“, sagte Leni.

Lilo öffnete eine Blattspitze.

Der Zweig wackelte kaum.

Nichts Schlimmes passierte.

„Ich bin noch da“, flüsterte Lilo erstaunt.

„Ja“, sagte Luna. „Du bist noch da.“

„Und wir auch“, brummte Bruno.

Dann ließ Lilo die zweite Blattspitze ein kleines Stück lockerer.

Der Nachtwind kam herbei. Er war nicht mehr wild wie am Tag. Er trug eine Schlafmütze aus Nebel und pustete nur ganz sanft.

„Ich passe auf“, hauchte der Wind.

Lilo atmete tief ein.

Blätter atmen anders als Kinder. Man sieht es kaum. Aber Leni konnte es fühlen.

Einmal.

Zweimal.

Dann ließ Lilo los.

Für einen winzigen Moment blieb alles still.

Dann schwebte das kleine Blatt.

Nicht schnell.

Nicht plumps.

Es schwebte.

Es drehte sich einmal nach links. Pipo drehte mit.

Es wackelte einmal nach rechts. Luna leuchtete heller.

Es sank ein kleines Stück tiefer. Fina lief mit den Augen den Weg entlang und nickte.

Bruno hielt die Tatzen bereit, obwohl das Blätterbett schon weich genug war.

Leni lächelte und flüsterte: „Du machst das wunderbar.“

Lilo schwebte weiter.

Goldenes Licht rieselte von seinem Rand. Es war kein Staub zum Niesen. Es war Sternenstaub zum Träumen. Er fiel auf das Blätterbett, auf Brunos Nase, auf Finas Schweif, auf Lunas Ohren und auf Pipos Flügel.

Pipo musste kichern. Aber leise.

„Es kitzelt“, piepste er.

Dann landete Lilo.

Raschelsacht.

So klang es wirklich.

Nicht raschel.

Nicht plumps.

Raschelsacht.

Das Blätterbett nahm Lilo auf wie eine warme Decke. Die anderen Blätter rückten ein winziges Stück zur Seite und dann wieder näher, damit Lilo genau Platz hatte.

„Oh“, flüsterte Lilo. „Das ist weich.“

Der Sternenbaum begann zu leuchten.

Erst am Stamm.

Dann in den Zweigen.

Dann in jedem Blatt.

Rund um den Hügel hörte man ein leises Rascheln.

Rsch.

Raschel.

Raschelsacht.

Alle Blätter im Bett bewegten sich ganz wenig. Zusammen klangen sie wie ein Schlaflied, das die Erde selbst summte.

Aus dem Blätterbett stiegen kleine goldene Funken auf. Sie flogen über die Dächer, über Gärten, über geschlossene Fenster und leise Zimmer.

„Der Raschelschlaf ist zurück“, sagte der Sternenbaum.

Leni sah, wie ein Funke zu ihrem Haus flog. Vielleicht würde er sich auf ihr Kissen setzen. Vielleicht auf Teddy. Vielleicht einfach in die Ecke des Zimmers, wo manchmal kleine Schatten standen, und sie freundlich machen.

Lilo kuschelte sich tiefer zwischen die Blätter. „Ich bin nicht allein.“

„Nein“, sagte Luna.

„Und du bist gelandet“, sagte Pipo stolz.

„Mit bestem Windweg“, sagte Fina.

„Und sehr weichem Bett“, sagte Bruno.

Leni setzte sich neben das Blätterbett. „Manchmal ist Loslassen nicht Wegsein“, sagte sie. „Manchmal ist es Ankommen.“

Der Sternenbaum rauschte zustimmend.

Nun wurde Leni müde. Ihre Augenlider wurden schwer, als hätten sich zwei kleine Blätter daraufgelegt.

Der Traumstern leuchtete in ihrer Hand und zeigte den Heimweg. Luna gähnte. Fina streckte die Pfoten. Bruno hob seine Wolkenstofftasche auf. Pipo summte Lilos Lied nur noch mit geschlossenem Schnabel.

„Gute Nacht, Lilo“, sagte Leni.

„Gute Nacht, Leni“, flüsterte Lilo aus dem Blätterbett.

„Gute Nacht, Sternenbaum.“

„Gute Nacht, kleine Sternenreisende“, rauschte der Baum.

Der Mondstaubweg brachte Leni und ihre Freunde zurück. Unten schliefen die Häuser. Die Bäume im Garten bewegten sich kaum. Nur ein paar Blätter winkten, als wüssten sie schon von Lilos Mut.

Als Leni wieder in ihrem Zimmer war, lag alles genau so da wie vorher.

Teddy wartete.

Die Decke war warm.

Der Traumstern funkelte sanft.

Auf Lenis Fensterbrett lag ein winziger goldener Sternenpunkt. Vielleicht war er von Lilo. Vielleicht vom Sternenbaum. Vielleicht vom Raschelschlaf.

Leni nahm ihn nicht in die Hand. Er durfte dort bleiben.

„Gute Nacht“, flüsterte sie.

Dann kuschelte sie sich an Teddy und dachte an das kleine Blatt, das losgelassen hatte und doch nicht verloren gegangen war.

Draußen machte der Wind noch einmal:

Huuusch.

Aber diesmal klang es wie ein Schlaflied.

Raschelsacht.

Raschelsacht.

Leni schloss die Augen.

Und schlief ein.

Weich.

Warm.

Geborgen.

Unter einem Traum voller goldener Blätter.

Mit einem Lesecode sicherst du deinen Lesestatus auf allen Geräten.

Gute-Nacht-Geschichten für kleine Träumer

Lenis Traumwelt sammelt liebevolle Gute-Nacht-Geschichten für Kinder von etwa 2 bis 6 Jahren. Die Vorlesegeschichten sind warm, langsam und kindgerecht erzählt, damit sie gut ins Abendritual passen: zum gemeinsamen Kuscheln, zum Runterkommen nach einem langen Tag und für kleine Kinder, die vor dem Schlafen noch eine freundliche Traumreise erleben möchten.

Jede Geschichte begleitet Leni, ihren Traumstern und die Tierfreunde Luna, Fina, Pipo und Bruno auf eine ruhige Reise voller Sternenlicht, Freundschaft und sanfter Einschlafmomente. Wer gezielt stöbern möchte, findet thematische Sammlungen wie Geschichten mit Tieren, Weltreise-Geschichten und kurze Einschlafgeschichten.

Viele Erzählungen kannst du direkt auf der Seite anhören oder als EPUB und MP3 herunterladen. Gesammelt gibt es die Audio-Geschichten auf der Podcast-Seite von Lenis Traumwelt, zusätzlich auf dem YouTube-Kanal von Lenis Traumwelt und als kostenlose Ausmalbilder zum Ausdrucken.