
Leni und die Eichelkarte im Abendwald
An diesem Abend trommelte der Regen ganz leise an Lenis Fenster.
Tipp, tipp, tipp.
Leni lag schon in ihrem Bett. Teddy kuschelte an ihrer Schulter, und auf dem Nachttisch leuchtete ihr Traumstern wie ein kleiner goldener Keks. Draußen wirbelte der Wind ein paar Blätter über den Gartenweg.
Leni schloss die Augen.
Da klopfte etwas Winziges gegen die Scheibe.
Tock.
Leni setzte sich auf. Am Fenster hing eine Eichel. Um ihren Bauch war ein dünner lilafarbener Faden gebunden. An dem Faden baumelte ein eingerollter Zettel.
Leni öffnete das Fenster und rollte den Zettel auf.
Bitte kommt in den Abendwald. Nelli kann ihre Gedanken nicht vergraben.
„Gedanken vergraben?“, wunderte sich Leni.
In diesem Moment wurde ihr Traumstern warm. Sein Licht floss über die Bettdecke und malte eine Spur aus goldenen Blättern auf den Teppich. Das letzte Blatt wackelte. Erst erschien eine schwarze Nasenspitze, dann zwei aufmerksame Ohren und schließlich ein buschiger orangefarbener Schwanz.
Es war Fina, der Sternenfuchs. Um ihren Hals trug sie ihren lila Sternenschal. An einer seiner Fransen steckte ein kleines Eichenblatt.
„Guten Abend, Leni“, sagte Fina. „Im Abendwald läuft jemand immer im Kreis. Meine Nase sagt mir, dass dort viele Eicheln liegen und noch mehr Sorgen.“
Leni nahm Teddy und den Traumstern. Dann trat sie mit Fina auf die goldene Blätterspur.
Sofort raschelte es weich unter ihren Füßen. Das Kinderzimmer wurde heller, der Teppich wurde zu Moos, und das offene Fenster wuchs zu einem runden Mond zwischen hohen Baumkronen.
Leni und Fina standen im Abendwald.
Überall leuchteten Herbstfarben. Die Blätter der Buchen waren gelb wie Honig. Die Eichen trugen braune und kupferrote Kronen. Zwischen den Stämmen schwebten kleine Nebelfäden, und auf dem Waldboden glänzten Regentropfen wie winzige Glasperlen.
Es duftete nach Moos, feuchter Erde und Pilzen.
Plötzlich sauste etwas Graues an Leni vorbei.
Husch!
Dann sauste es zurück.
Husch!
Beim dritten Mal erkannte Leni ein kleines Eichhörnchen. Es hatte silbergraues Fell, einen karamellfarbenen Schwanz und eine Eichel in jeder Pfote. Eine dritte Eichel trug es im Maul.
„Nelli?“, rief Fina freundlich.
Das Eichhörnchen bremste so schnell, dass drei Blätter über seine Ohren rutschten.
„Oh, gut, ihr seid da!“ Nelli ließ die Eichel aus dem Maul fallen. „Ich habe eine unter der großen Wurzel versteckt. Oder waren es zwei? Beim moosigen Stumpf liegen bestimmt vier. Nein, fünf. Und hinter dem runden Stein ... hinter dem runden Stein ...“
Nellis Augen wurden groß.
„Ich habe vergessen, was hinter dem runden Stein liegt!“
Schon wollte sie wieder losflitzen.
Fina stellte eine Pfote behutsam auf den Weg. „Warte. Meine Nase findet Spuren auch dann, wenn deine Gedanken müde sind.“
„Aber der Winter kommt!“, piepste Nelli. „Wenn ich nicht jedes Versteck im Kopf behalte, finde ich später mein Frühstück nicht. Darum laufe ich alle Wege noch einmal ab. Und danach noch einmal, damit ich den ersten Weg nicht vergesse.“
Leni kannte das Gefühl. Manchmal lag sie im Bett und dachte: Habe ich meine roten Stifte eingeräumt? Liegt das Bilderbuch noch im Wohnzimmer? Was wollte ich morgen unbedingt erzählen? Jeder Gedanke stupste den nächsten an, bis im Kopf kaum Platz für ein Gähnen da war.
„Wie viele Verstecke hast du?“, fragte sie.
Nelli zählte an den Pfoten. Dann am Schwanz. Dann noch einmal an den Pfoten.
„Mehr als acht und weniger als hundert“, sagte sie schließlich.
Fina schnupperte. Ihre feine Nase zeigte erst nach links, dann nach rechts und schließlich geradeaus. „Du hast sehr fleißig gesammelt. Der ganze Wald riecht nach deinen Eichelwegen.“
„Siehst du?“, sagte Nelli. „Ich muss sie alle prüfen!“
Sie nahm die Eicheln wieder auf und lief zur großen Wurzel. Leni und Fina folgten ihr.
Unter der Wurzel grub Nelli ein kleines Loch auf. Darin lagen drei Eicheln, sauber nebeneinander.
„Drei!“, rief Nelli. „Das muss ich mir merken.“
Sie schob die Erde zurück und rannte zum moosigen Stumpf. Dort fand sie fünf Eicheln.
„Fünf! Nicht vier. Drei bei der Wurzel, fünf beim Moos.“
Dann hastete sie zum runden Stein. Dahinter lagen zwei Eicheln und eine glänzende Kastanie.
„Drei, fünf, zwei und eine Kastanie“, murmelte Nelli. „Oder war die Kastanie bei der Wurzel?“
Der karamellfarbene Schwanz zitterte.
„Jetzt muss ich von vorn anfangen.“
Leni setzte sich auf einen weichen Mooshügel. „Vielleicht müssen nicht alle Verstecke gleichzeitig in deinen Kopf passen.“
Nelli hielt inne. „Wo sollen sie denn sonst hin?“
Leni sah sich um. Neben dem Stein lag ein breites Stück Birkenrinde, das der Wind vom Baum gelöst hatte. Es war hell und glatt wie ein kleines Blatt Papier.
„Wir könnten eine Karte machen“, schlug sie vor. „Keine Karte von jedem einzelnen Versteck. Nur von den drei Plätzen, die du ganz sicher wiederfinden möchtest.“
„Nur drei?“ Nelli blickte in den großen Wald. „Und die anderen?“
„Drei sichere Plätze können für heute genug sein“, sagte Fina. „Die übrigen Eicheln laufen nicht weg.“
Nelli dachte nach. Dann zeigte sie auf die große Eiche. „Die Wurzel finde ich immer.“
Fina legte ein kleines Eichenblatt auf die Birkenrinde.
„Der moosige Stumpf ist weich an den Pfoten“, sagte Nelli.
Leni legte ein grünes Moospolster neben das Blatt.
„Und auf dem runden Stein sitze ich morgens gern in der Sonne.“
Nelli legte einen glatten grauen Kiesel dazu.
Blatt. Moos. Stein.
Die drei Zeichen lagen auf der Birkenrinde. Doch als Leni die Karte hochhob, kullerte der Kiesel herunter.
„Eine Karte, die davonläuft“, kicherte Fina.
Nelli kicherte auch. Nur ganz kurz, aber ihr Schwanz hörte auf zu zittern.
Fina fand eine dunkle Brombeere, die noch am Strauch hing. Mit einer Kralle drückte sie vorsichtig einen Tropfen Saft heraus. Leni malte damit eine große Wurzel, einen kleinen Stumpf und einen runden Stein auf die Birkenrinde. Nelli setzte neben jedes Bild einen winzigen Pfotenabdruck.
Zum Schluss tupfte Lenis Traumstern drei goldene Punkte auf die Karte.
Pling für die Wurzel.
Pling für das Moos.
Pling für den Stein.
„Und was ist mit den anderen Verstecken?“, fragte Nelli. „Mit dem am Pilzweg? Mit dem hinter den Farnen? Mit dem, das ich vielleicht schon ganz vergessen habe?“
Fina setzte sich neben das Eichhörnchen. Ihr buschiger Schwanz lag warm um Nellis Rücken.
„Der Wald kann sich auch an etwas erinnern“, sagte sie. „Meine Nase findet manche Eichel wieder. Andere finden vielleicht die Mäuse. Und aus einer Eichel, die niemand ausgräbt, kann eines Tages eine neue Eiche wachsen.“
Nelli schaute hinauf in die mächtige Baumkrone. Hunderte Blätter raschelten dort oben ein leises Abendlied.
„Dann ist eine vergessene Eichel nicht unbedingt verloren?“
„Nein“, sagte Leni. „Manchmal bekommt sie nur eine andere Aufgabe.“
Der Wind strich durch den Abendwald.
Rasch, rasch, ruh.
Nelli legte die Eichelkarte in eine Astgabel nahe ihrem Schlafnest. Das Nest war eine runde Höhle in einer alten Eiche. Darin lagen Farnblätter, weiches Gras und ein Kissen aus Distelwolle.
Aber Nelli sprang noch nicht hinein.
„Ich möchte die drei Wege ein letztes Mal sagen“, bat sie.
„Das können wir zusammen tun“, sagte Fina.
Nelli tippte auf das erste Bild. „Wurzel.“
Leni tippte auf das zweite. „Moos.“
Fina tippte auf das dritte. „Stein.“
„Wurzel, Moos, Stein“, sagten alle drei.
Dann legte Nelli die Pfoten auf den Bauch.
„Und jetzt?“
„Jetzt darf die Karte aufpassen“, sagte Leni.
Nelli kletterte in ihr Nest. Sie drehte sich einmal linksherum, einmal rechtsherum und kuschelte den karamellfarbenen Schwanz um sich wie eine Decke.
„Aber wenn mir gleich noch ein Versteck einfällt?“
Leni reichte ihm ein trockenes Eichenblatt. „Dann kannst du den Gedanken hier ablegen. Morgen schaust du ihn wieder an.“
Nelli hielt das Blatt fest. Nach einem Moment flüsterte sie: „Beim Pilzweg liegt vielleicht noch eine Eichel.“
Sie legte den Gedanken mit dem Blatt neben ihr Kissen.
„Hinter dem Farn vielleicht auch.“
Ein zweites Blatt kam dazu.
Dann blieb sie still.
„Mehr Gedanken?“, fragte Fina leise.
Nelli gähnte. „Bestimmt. Aber die dürfen warten, bis sie von selbst kommen.“
Leni zog die Farnblattdecke bis an Nellis Kinn. Fina strich mit ihrem Schwanz einmal sanft über den Nesteingang.
Draußen rauschten die Baumkronen.
Rasch, rasch, ruh.
Auf der Birkenrinde glommen drei goldene Punkte. Wurzel. Moos. Stein. Mehr musste Nelli für diese Nacht nicht tragen.
Seine Augen wurden schmal.
„Gute Nacht, ihr beiden“, murmelte sie. „Gute Nacht, Karte. Gute Nacht, Wald.“
Schon bald hob und senkte sich ihr kleiner Bauch ganz ruhig.
Leni und Fina gingen auf Zehenspitzen davon. Der Abendwald roch nun weniger nach Sorgen. Oder vielleicht konnte Fina unter all den Eichelspuren jetzt einfach den Schlaf riechen.
Am Waldrand wartete die goldene Blätterspur. Leni umarmte Fina, dann trat sie darauf. Das Moos wurde wieder zum Teppich, die Baumkronen wurden zu Vorhängen, und der runde Mond schrumpfte zu Lenis offenem Fenster.
Sie lag wieder in ihrem Bett. Teddy ruhte an ihrer Schulter. Der Regen trommelte noch immer leise gegen die Scheibe.
Tipp, tipp, tipp.
Auf dem Nachttisch lag eine winzige Eichel neben dem Traumstern.
Leni dachte an die roten Stifte. An das Bilderbuch. An die Sache, die sie morgen erzählen wollte.
„Ihr dürft bis morgen warten“, flüsterte sie.
Dann stellte sie sich vor, wie jeder Gedanke auf einem weichen Blatt neben ihrem Kissen lag. Nichts musste fort. Nichts musste jetzt noch geprüft werden.
Im Abendwald schlief Nelli unter ihrem warmen Schwanz. Die Eichelkarte wachte mit drei kleinen Lichtern über das Nest. Und tief in der Erde lag vielleicht eine vergessene Eichel, still und sicher, mit einem neuen Wald in ihrem Herzen.
Rasch, rasch, ruh.
Leni kuschelte sich tiefer in ihre Decke.
Dann schlief auch sie ein.
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