
Leni und der Kugelfisch im Korallengarten
An diesem Abend lag Leni schon unter ihrer weichen Decke. Teddy ruhte in ihrem Arm, und ihr Traumstern glomm auf dem Nachttisch wie ein kleines goldenes Nachtlicht.
Draußen stand der Mond über den Dächern. Im Haus war es still.
Leni wollte gerade die Augen schließen, da machte ihr Wasserglas:
Plopp.
Leni blinzelte.
Auf dem Wasser schwamm eine winzige rosa Koralle. An ihren Zweigen hingen drei runde Bläschen. Das erste schimmerte blau. Das zweite schimmerte golden. Im dritten saß eine Nachricht:
Bitte kommt leise in den Korallengarten. Kalle ist immer noch ganz rund.
„Wer ist Kalle?“, flüsterte Leni.
Da wurde der Traumstern warm. Sein Licht floss über die Bettkante und bildete auf dem Teppich einen runden, glitzernden Wasserfleck.
Aus dem Fleck stieg Bruno, der Sternenbär. Sein braunes Fell war trocken und weich. Auf dem Kopf trug er seine lila Sternenmütze. Unter einem Arm klemmte ein zusammengerolltes Seegraspolster.
„Guten Abend, Leni“, brummte er sanft. „Im Korallengarten braucht jemand besonders viel Ruhe.“
Leni setzte sich auf. „Ist Kalle krank?“
Bruno schüttelte langsam den Kopf. „Nein. Er hat sich erschrocken. Nun weiß sein Körper noch nicht, dass alles wieder sicher ist.“
Das verstand Leni ein bisschen. Manchmal klopfte ihr Herz nach einem lauten Geräusch auch noch weiter, obwohl es längst wieder still war.
Sie nahm Teddy und ihren Traumstern. Dann stellte sie beide Füße in den glitzernden Wasserfleck.
Sofort wuchs das Licht des Traumsterns um Leni und Bruno herum. Es wurde zu einer warmen, durchsichtigen Traumblase. Darin konnten sie atmen, sprechen und sogar über den Meeresboden gehen.
Langsam sanken sie hinab.
Erst glitten sie durch dunkelblaues Wasser. Kleine Fische zogen wie silberne Striche vorbei. Dann erschienen unter ihnen runde Steine, wogendes Seegras und Korallen in Rosa, Türkis und warmem Gold.
Der Korallengarten leuchtete ganz von selbst.
Einige Korallen sahen aus wie kleine Bäume. Andere wie Fächer oder weiche Kissen. Zwischen ihnen schwebten winzige Blasen nach oben. Sie machten plipp, plipp, plipp, ohne dabei laut zu sein.
Am Eingang wartete eine kleine Seepferdchendame. Sie hieß Suri und trug eine Schleife aus grünem Seegras.
„Wie gut, dass ihr da seid“, sagte sie. „Kalle hat sich hinter der großen Fächerkoralle versteckt.“
„Was ist passiert?“, fragte Leni.
Suri deutete auf eine leere Muschelschale am Boden. „Beim Abendessen ist die Schale plötzlich zugeklappt. Klack! Kalle hat sich so erschrocken, dass er sich kugelrund aufgepustet hat.“
Bruno nickte. „Das machen Kugelfische, wenn sie sich schützen wollen.“
„Ja“, sagte Suri. „Aber die Muschel schläft längst. Nur Kalle ist noch immer rund. Alle haben schon versucht, ihm zu helfen.“
Hinter einer Koralle hob eine kleine Krabbe die Scheren. „Ich habe einen lustigen Tanz gemacht.“
Ein Tintenfisch winkte mit zwei Armen. „Ich habe bis acht gezählt.“
Eine Garnele rief: „Ich habe gesagt: Sei einfach nicht mehr erschrocken!“
Bruno strich sich nachdenklich über die Nase. „Und ist Kalle dadurch kleiner geworden?“
Alle drei schüttelten die Köpfe.
Leni ging zur großen Fächerkoralle. Dahinter schwebte Kalle.
Er war gelb wie ein kleiner Mond und hatte rosa Punkte. Weil er so aufgepustet war, sah er beinahe aus wie ein stacheliger Ball. Nur seine Flossen bewegten sich schnell hin und her.
„Hallo, Kalle“, sagte Leni leise. „Ich bin Leni. Das ist Bruno.“
Kalle lugte zu ihnen herüber. „Bitte schaut nicht so genau.“
Leni setzte sich auf einen flachen Stein. „Gut. Dann schauen wir erst einmal die Korallen an.“
Bruno setzte sich neben sie. Der Stein war für ihn etwas klein, doch Bruno rückte so lange hin und her, bis er gemütlich saß.
Eine Weile sagte niemand etwas.
Das Seegras wiegte sich nach links.
Dann nach rechts.
Links.
Rechts.
Nach einer Weile fragte Kalle: „Wollt ihr nicht sagen, dass ich mich entspannen soll?“
„Nein“, antwortete Leni. „Du weißt bestimmt selbst, dass du gern entspannen möchtest.“
Kalle nickte vorsichtig. Seine schnelle Flosse wurde ein winziges bisschen langsamer.
„Alle warten darauf, dass ich wieder klein werde“, murmelte er. „Aber wenn ich es versuche, denke ich wieder an das Klack. Dann werde ich erst recht rund.“
„Dann musst du es jetzt nicht versuchen“, sagte Bruno.
Kalle schaute überrascht zu ihm.
Bruno lächelte sein warmes Bärenlächeln. „Ein erschrockener Körper braucht manchmal länger als ein Gedanke. Wir können warten.“
Kalle schwieg. Eine kleine Blase löste sich aus seinem Mund und stieg nach oben.
Blubb.
„Mein Schlafnest ist zu eng“, sagte er schließlich. „Wenn ich so rund bleibe, passe ich nicht hinein.“
Hinter der Koralle stand tatsächlich ein hübsches Nest aus Seegras. Es war weich, aber schmal. Für einen kleinen Kugelfisch passte es genau. Für einen kugelrunden Kalle war es viel zu klein.
„Wir könnten ein Nest bauen, in das du heute so hineinpasst, wie du gerade bist“, schlug Leni vor.
„Auch wenn ich rund bin?“
„Gerade dann“, sagte Bruno.
Suri brachte lange Bänder aus weichem Seegras. Die Krabbe schob glatte Kiesel heran. Der Tintenfisch fand zwei breite Algenblätter, und die Garnele holte eine Handvoll feinen, warmen Sand.
Niemand zupfte an Kalle. Niemand sagte: Mach schneller.
Sie bauten einfach ein großes, rundes Nest.
Bruno legte die Kiesel in einen weiten Kreis. Leni flocht das Seegras locker dazwischen. Der Tintenfisch breitete die Algenblätter wie eine Decke darüber. Suri streute den warmen Sand hinein.
Zum Schluss schob Leni Teddys Pfote ganz kurz an das Nest.
„Weich genug“, entschied sie.
Kalle schwamm langsam näher. Er betrachtete das Nest von oben, von unten und von beiden Seiten.
„Da passe ich wirklich hinein.“
Vorsichtig ließ er sich in die Mitte sinken.
Das Seegras gab nach. Der Sand schmiegte sich an seinen runden Bauch. Nichts drückte. Kein Stachel blieb hängen.
Kalle atmete aus.
Blubb.
Eine goldene Blase stieg aus dem Nest.
„Die war noch vom Klack“, sagte Kalle.
„Dann darf sie jetzt nach oben schwimmen“, sagte Leni.
Die goldene Blase schwebte durch den Korallengarten. Als sie weit oben ankam, wurde sie zu einem winzigen Lichtpunkt.
Kalle war noch immer rund. Aber seine Flossen flatterten nicht mehr so schnell.
Da knackte es in der Ferne.
Krrk.
Kalle zuckte zusammen. Sofort richteten sich seine kleinen Stacheln auf.
„Da ist es wieder!“
Leni hörte genau hin. „Das klang anders als die Muschel.“
Suri lauschte ebenfalls. „Das war Knips, der Knallkrebs. Er räumt abends seine Kiesel auf.“
Weit hinten hob eine winzige Krabbe einen Kiesel und ließ ihn fallen.
Krrk.
„Ein Kiesel“, sagte Bruno ruhig. „Weit weg.“
Kalle sah hin. Dann legten sich seine Stacheln wieder an.
„Das Geräusch war da“, flüsterte er. „Aber diesmal wusste ich, was es war.“
„Wir können die anderen Geräusche auch kennenlernen“, schlug Leni vor.
Also lauschten sie gemeinsam.
Schschsch machte das Seegras.
„Das ist die Strömung“, sagte Suri.
Tipp-tipp machte die Krabbe auf einem Stein.
„Das sind meine Füße“, sagte die Krabbe und blieb höflich stehen.
Plipp machte eine Blase an der Koralle.
„Das ist nur Luft auf dem Weg nach oben“, sagte Leni.
Und ganz tief machte es brumm-brumm-brumm.
Kalle riss die Augen auf.
Dann bemerkte er, dass Bruno summte.
Der Sternenbär summte so tief und ruhig, dass die Korallen ein wenig mitzuschwingen schienen. Leni legte eine Hand auf Brunos weiches Fell. Sie spürte das Summen bis in die Fingerspitzen.
Kalle ließ sich tiefer in sein Nest sinken.
„Kannst du das noch einmal machen?“
Bruno summte weiter.
Brumm-brumm-brumm.
Das Seegras wiegte sich nach links.
Dann nach rechts.
Leni atmete langsam ein. Der Traumstern wurde dabei ein bisschen heller. Dann atmete sie langsam aus. Ein warmer Lichtfaden kringelte sich durch die Traumblase.
Kalle sah ihr zu.
„Muss ich auch so atmen?“
„Nur wenn es sich gut anfühlt“, sagte Leni.
Kalle holte einen kleinen Atemzug.
Dann ließ er eine Blase hinaus.
Blubb.
Noch eine.
Blubb.
Und nach einer Pause eine dritte.
Blubb.
Mit jeder Blase wurde Kalle ein winziges bisschen weniger rund. Nicht plötzlich. Nicht ganz. Gerade so viel, wie sein Körper von selbst wollte.
Die anderen Tiere freuten sich, aber sie jubelten nicht. Sie wussten, dass Kalle Ruhe brauchte.
Die Krabbe winkte nur ganz klein mit einer Schere. Suri lächelte. Der Tintenfisch zog die Algedecke ein Stück höher.
„Ich bin noch nicht wieder so klein wie sonst“, sagte Kalle schläfrig.
„Du musst heute Nacht keine bestimmte Größe haben“, antwortete Bruno. „Du brauchst nur einen Platz, an dem du dich sicher fühlst.“
Kalle kuschelte sich in den warmen Sand.
„Den habe ich.“
Seine Augen wurden schmal.
Das Seegras rauschte.
Schschsch.
Bruno summte.
Brumm-brumm.
Eine letzte kleine Blase löste sich von Kalles Mund.
Plipp.
Diesmal war sie nicht golden. Sie war durchsichtig und ruhig.
Kalle schlief ein, noch ein wenig rund und ganz geborgen.
Leni deckte ihn mit dem Rand des Algenblatts zu. Suri versprach, in der Nähe zu bleiben. Die Krabbe stellte ein kleines Kieselschild vor das Nest. Darauf stand:
Hier darf Ruhe wachsen.
Dann nahmen Leni und Bruno Abschied.
Der Traumstern trug sie in ihrer warmen Blase wieder nach oben. Der Korallengarten wurde unter ihnen kleiner. Seine Lichter sahen bald aus wie bunte Sterne tief im Meer.
Als Leni die Augen öffnete, lag sie wieder in ihrem Bett.
Bruno war verschwunden. Auf dem Teppich glitzerte nur noch ein winziges Sandkorn. Die rosa Koralle in Lenis Wasserglas war fort.
Teddy lag in ihrem Arm.
Leni merkte, dass ihre Schultern ein bisschen hochgezogen waren. Sie ließ sie sinken. Dann atmete sie langsam ein und langsam wieder aus.
Sie musste nicht sofort einschlafen.
Sie musste auch nicht ganz still liegen.
Ihr Körper durfte sich Zeit lassen.
Draußen funkelte der Mond. Im Traumstern wanderte eine winzige Blase nach oben.
Plipp.
„Gute Nacht, Kalle“, flüsterte Leni.
Dann kuschelte sie sich tiefer in ihre Decke. Und während irgendwo weit unter dem Meer das Seegras schschsch machte, wurden Lenis Augen ganz von selbst schwer.
Mit einem Lesecode sicherst du deinen Lesestatus auf allen Geräten.