
Leni und der Kiwivogel unter den Silberfarnen
Am späten Nachmittag lag das große Weltreiseschiff in einem Hafen von Neuseeland.
Der Regen war gerade weitergezogen. Auf dem Balkongeländer glitzerten noch kleine Tropfen, und hinter den Häusern stiegen grüne Hügel in den hellen Abendhimmel. Leni stand an der Scheibe der Kabinentür und malte mit dem Finger eine kringelige Spur in den feinen Beschlag.
„Riecht ihr das?“, fragte Papa, als er die Balkontür einen Spalt öffnete.
Kühle Luft kam herein. Sie roch nach Meer, nasser Erde und Blättern.
Leni atmete tief ein. „Wie ein Wald nach dem Baden.“
Mama half ihr in die lila Regenjacke. „Genau dort gehen wir heute hin. In einen geschützten Wald, wenn es langsam dunkel wird.“
„Warum erst so spät?“
„Weil dann vielleicht jemand aufwacht, der den Tag lieber verschläft“, sagte Papa.
Unten an der Gangway warteten schon Oskar, Ellen und Thea mit ihren Eltern. Oskar trug seine blaue Jacke und sprang um jede Pfütze herum, als wäre sie ein kleiner See. Ellen hatte ihr Fernglas unter der Jacke versteckt. Thea hielt ihre weiche Decke zusammengerollt im Arm.
„Wir suchen heute einen Vogel, der nicht fliegt“, sagte Oskar zur Begrüßung.
Thea sah in den Himmel. „Vielleicht hat er seine Flügel im Schiff vergessen.“
Ellen schüttelte lächelnd den Kopf. „Ein Kiwivogel fliegt gar nicht. Seine Flügel sind nur winzig.“
Leni wurde neugierig. Ein Vogel, der am Boden blieb? Den wollte sie unbedingt kennenlernen.
Ein kleiner Bus brachte die Familien vom Hafen zu einem stillen Wald. Am Eingang begrüßte sie die Naturführerin Mere. An ihrem Rucksack hing eine Lampe mit rotem Licht.
„Kiwis sehen nicht besonders scharf“, erklärte Mere. „Dafür können sie sehr gut riechen. Ihre Nasenlöcher sitzen ganz vorn an ihrem langen Schnabel. Und weil helles Licht sie stört, benutzen wir heute nur diese sanften roten Lampen.“
Sie zeigte auf einen hölzernen Steg, der zwischen hohen Farnen hindurchführte. „Wir bleiben auf dem Weg, fassen keine Tiere an und hören gut zu.“
Der Wald empfing sie mit leisem Tropfen.
Plipp, machte es auf einem Blatt.
Plopp, machte es im Moos.
Rasch-rasch, flüsterten die Farnwedel im Wind.
Leni ging zwischen Mama und Papa. Vor ihr leuchtete Meres rote Lampe wie eine winzige Abendsonne. Rechts und links bogen sich große Silberfarne über den Steg. Ihre Blattunterseiten schimmerten im letzten Licht beinahe weiß.
Oskar blieb stehen und zeigte auf einen dunklen Baumstamm. „Da!“
Alle hielten den Atem an.
Doch es war nur ein runder Stein mit einem Büschel Moos.
Ein paar Schritte weiter hob Ellen ihr Fernglas.
„Dort bewegt sich etwas.“
Diesmal war es kein Stein.
Unter einem Farn raschelten braune Federn. Ein kleiner Vogel trat hervor. Er hatte einen runden Körper, kräftige Beine und einen langen, schmalen Schnabel. Seine winzigen Flügel konnte man unter dem Federkleid kaum erkennen.
„Ein Kiwi“, flüsterte Mere.
Thea drückte ihre Decke an sich. „Er sieht aus wie eine flauschige Birne mit Füßen.“
Leni musste lächeln. Der junge Kiwi war wirklich rund und weich. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen. Dann steckte er die Schnabelspitze in die feuchte Erde.
Schnupper, stupf, schnupper.
Plötzlich blieb er stehen.
Vor ihm hatte der Regen eine breite, glänzende Pfütze über den Waldboden gezogen. Der Kiwi ging nach links. Dort schnupperte er an einer Wurzel. Dann ging er nach rechts und steckte den Schnabel unter ein Blatt. Schließlich drehte er sich einmal im Kreis.
„Hat er sich verirrt?“, fragte Thea besorgt.
Mere kniete sich auf dem Steg hin. „Vielleicht hat der Regen die vertrauten Gerüche verändert. Schaut, wie sorgfältig er prüft.“
Auf der anderen Seite der Pfütze ertönte ein leiser Ruf.
Kii-wii.
Der junge Vogel hob den Kopf. Ganz hinten zwischen den Farnen bewegte sich ein zweiter, größerer Kiwi.
„Seine Familie“, wisperte Ellen.
Der kleine Kiwi trat näher an das Wasser. Aber als sein Fuß die nasse Fläche berührte, zog er ihn gleich wieder zurück.
Oskar griff nach seiner Taschenlampe. „Ich kann ihm den Weg zeigen.“
Dann erinnerte er sich an Meres Worte und ließ die Hand sinken. „Ach nein. Das Licht wäre zu hell.“
„Wir könnten einen Umweg für ihn suchen“, schlug Ellen vor.
„Wir dürfen den Steg nicht verlassen“, sagte Leni.
Thea rollte ihre Decke ein kleines Stück auf. „Meine Decke riecht immer nach Zuhause. Vielleicht braucht er auch etwas, das nach Zuhause riecht.“
Leni sah zu dem größeren Kiwi auf der anderen Seite. Wieder kam der sanfte Ruf.
Kii-wii.
Der kleine Kiwi antwortete nicht. Er stand ganz still. Doch sein Schnabel bewegte sich ein wenig nach oben, als würde er den Ruf nicht nur hören, sondern auch den Wind prüfen.
Da verstand Leni.
„Vielleicht müssen wir ihm keinen Weg machen“, flüsterte sie. „Vielleicht braucht er genug Ruhe, um seinen eigenen zu finden.“
Mere nickte. Sie deckte ihre rote Lampe mit der Hand ab, bis nur noch ein schwacher Schimmer blieb.
Die Kinder rückten auf dem Steg ein Stück zurück. Oskar steckte beide Hände in die Jackentaschen. Ellen nahm das Fernglas herunter. Thea hielt ihre Decke ganz fest, damit kein Zipfel raschelte.
Der Wald wurde still.
Nicht vollkommen still. Von einem Blatt fiel ein Tropfen. Weit oben knarrte ein Ast. Irgendwo zirpte ein Insekt.
Aber zwischen all diesen Geräuschen entstand Platz.
Der junge Kiwi senkte den Kopf.
Schnupper, stupf, schnupper.
Er fand den Rand der Pfütze. Dort verlief ein schmaler Streifen Erde unter den Farnen entlang. Der Vogel folgte ihm, bis ein heruntergefallener Zweig den Weg versperrte.
Leni hielt kurz den Atem an.
Der Kiwi flatterte nicht. Er konnte ja nicht davonfliegen. Stattdessen stemmte er einen kräftigen Fuß auf den Zweig. Dann den anderen. Mit einem kleinen Wackeln kletterte er hinüber.
„Er hat starke Beine“, staunte Oskar.
„Und eine gute Nase“, sagte Ellen.
„Und er kennt seinen Weg“, ergänzte Leni.
Nun ging alles schnell. Der kleine Kiwi schlüpfte unter einem Silberfarn hindurch, umrundete die Pfütze und verschwand für einen Moment im Schatten.
Dann hörten sie zwei leise Rufe.
Kii-wii.
Kii-wii.
Zwischen den Farnen standen der kleine und der große Vogel nebeneinander. Ihre runden Körper berührten sich fast. Der größere Kiwi stupste den jüngeren sanft mit dem Schnabel an.
Thea seufzte zufrieden. „Jetzt riecht es wieder nach Zuhause.“
Ein Windhauch strich durch den Wald. Die Silberfarne hoben und senkten ihre Wedel, als würden sie den beiden Vögeln ganz langsam zuwinken.
Mere ließ ihre Lampe wieder etwas heller leuchten. „Ihr habt gerade etwas Wichtiges getan.“
Oskar sah sie überrascht an. „Aber wir haben doch gar nichts gemacht.“
„Ihr habt still gewartet und dem Kiwi vertraut“, sagte Mere. „Manchmal ist das genau die Hilfe, die ein wildes Tier braucht.“
Auf dem Rückweg sprach niemand laut. Die Kinder hörten den Tropfen zu und betrachteten die silbrigen Farnblätter. Leni dachte an den kleinen Kiwi. Er brauchte keine großen Flügel und kein helles Licht. Er hatte seine Nase, seine Füße und seinen ganz eigenen Mut.
Als der Bus wieder am Hafen hielt, funkelte das Weltreiseschiff über dem dunklen Wasser. Seine Fenster leuchteten golden. Hoch oben hing der Mond zwischen zwei langen Wolken.
„Morgen fahren wir weiter“, sagte Ellen.
„Dann kann der Kiwi den Wald bewachen“, meinte Oskar.
Thea gähnte. „Und wir bewachen unsere Kissen.“
In der Kabine zog Leni den Schlafanzug an und kroch unter die Decke. Papa stellte ihre nassen Schuhe an die Tür. Mama legte Teddy neben das Kissen.
„Wie findet ein Kiwi im Dunkeln seinen Weg?“, fragte Mama.
Leni schloss die Augen und erinnerte sich.
„Mit seiner Nase. Mit seinen starken Füßen. Und weil die anderen ruhig genug waren, damit er sich selbst vertrauen konnte.“
Papa löschte das große Licht. Nur die kleine Lampe am Bett blieb an.
Draußen löste sich das Schiff langsam vom Hafen. Das Wasser rauschte sanft an seiner Seite entlang. Leni stellte sich vor, wie unter den Silberfarnen zwei runde Vögel durch die Nacht trippelten.
Schnupper, stupf, schnupper.
Schritt für Schritt.
Auf ihre eigene Weise.
Ganz sicher nach Hause.
Das Brummen des Schiffes wurde zu einem tiefen Schlaflied. Leni kuschelte ihre Nase an Teddy, während Neuseelands grüne Hügel langsam hinter dem Fenster verschwanden.
„Gute Nacht, kleiner Kiwi“, murmelte sie.
Und noch bevor der nächste Regentropfen vom Balkongeländer fiel, war Leni friedlich eingeschlafen.
Mit einem Lesecode sicherst du deinen Lesestatus auf allen Geräten.