
Leni und das wandernde V am Abendhimmel
Es war ein Abend, an dem der Himmel aussah, als hätte jemand Pflaumenmus und Honig hineingerührt. Über Lenis Fenster zogen violette Wolken, und am Rand der Welt glühte noch ein schmaler goldener Streifen. Leni saß in ihrem lila Sternenschlafanzug auf der Fensterbank. Neben ihr hüpfte Pipo, der kleine Sternenvogel, von einem Fuß auf den anderen. Plötzlich erklang hoch oben ein Ruf: „Krah-a, krah-a!“ Leni schaute hinauf. Viele Wildgänse flogen über das Haus. Sie bildeten ein großes V, das langsam über den Abendhimmel wanderte. Doch das V wackelte. Die linke Seite wurde lang, die rechte kurz, und ganz vorn flatterte eine junge Gans so hastig, dass ihre Flügel kaum noch im Takt waren. Eine silbergraue Feder schwebte herab und landete direkt in Lenis Hand. Auf ihr funkelte ein winziger Stern. „Das ist eine Einladungsfeder“, piepste Pipo. Kaum hatte er das gesagt, wurde die Feder groß und weich wie ein Kissen. Leni setzte sich darauf, Pipo kuschelte sich an ihre Schulter, und gemeinsam glitten sie lautlos hinauf in die pflaumenblaue Luft.
Der Wind roch nach kühlem Wasser und nach den Gräsern am See. Bald flogen Leni und Pipo neben dem Gänsezug her. Nun konnten sie die junge Gans an der Spitze genau sehen. Ihr Gefieder war braun und cremefarben, und über ihren Augen lag ein müder kleiner Knick.
„Hallo!“, rief Leni freundlich. „Ich bin Leni, und das ist Pipo. Wie heißt du?“
„Mara“, keuchte die Gans. „Ich führe heute den Zug. Ich muss auf den Weg achten. Ich muss den Wind teilen. Ich muss alle bis zum Rastsee bringen.“
Hinter Mara flogen große und kleine Gänse. Einige trugen helle Federspitzen, andere dunkle. Sie riefen einander leise zu: „Wir sind da! Wir fliegen mit!“
Doch Mara hörte nur halb hin. Sie blickte nach links, nach rechts und wieder geradeaus. Dann schlug sie noch schneller mit den Flügeln.
„Ist der Rastsee noch weit?“, fragte Pipo.
„Nicht sehr weit“, sagte Mara. „Nur hinter dem Hügel mit den drei Birken. Aber ich darf meinen Platz nicht verlassen. Wer vorn fliegt, muss stark bleiben.“
Da kam eine Windböe. Sie pustete gegen Maras Brust. Mara schwankte. Das ganze V schwankte mit.
„Vielleicht brauchst du eine Pause“, sagte Leni.
„Später“, antwortete Mara. „Wenn alle angekommen sind.“
Der Gänsezug flog weiter. Unter ihnen lagen Felder wie weiche Decken. Ein Bach glänzte wie ein silberner Faden. In einem Dorf gingen nacheinander die Fensterlichter an.
Pipo flatterte dicht neben Mara. „Bei langen Flügen ruhen meine Flügel manchmal mitten in der Luft ein kleines bisschen aus“, erzählte er. „Dann gleite ich. Siehst du?“
Er breitete seine violett-blauen Flügel aus und ließ sich ein Stück vom Wind tragen.
Mara versuchte es ebenfalls. Doch sobald sie langsamer wurde, sah sie sich erschrocken um.
„Das V fällt auseinander!“, rief sie.
„Noch nicht“, sagte Leni ruhig. „Alle sind hinter dir. Alle passen auf.“
In diesem Moment rief eine ältere Gans aus der zweiten Reihe: „Mara, ich kann nach vorn kommen!“
„Nein, Tante Ada“, sagte Mara. „Heute bin ich dran.“
Wieder kam eine Böe. Diesmal war sie kräftiger. Maras Flügel zitterten, und das wandernde V bekam in der Mitte einen kleinen Knick.
Unten tauchte der Hügel mit den drei Birken auf. Ihre weißen Stämme leuchteten im letzten Abendlicht. Dahinter musste der Rastsee liegen. Doch vor dem Hügel hing eine breite Wolke, weich und grau wie eine Schafwolldecke.
„Da müssen wir hindurch“, sagte Mara. „Bleibt alle dicht bei mir!“
Die Gänse rückten zusammen. Leni hielt die große Feder an beiden Seiten fest, und Pipo versteckte den Schnabel kurz unter seinem Flügel. Dann glitten sie in die Wolke hinein.
Alles wurde still und grau. Kleine Nebeltropfen setzten sich auf Lenis Locken. Man konnte die Felder nicht mehr sehen. Man konnte die drei Birken nicht mehr sehen. Sogar die Flügelspitzen der hinteren Gänse verschwammen.
„Krah-a!“, rief Mara laut. „Hier entlang!“
„Krah-a!“, antwortete der Zug. „Wir sind da!“
Mara rief wieder. Die anderen antworteten wieder. So wussten alle, dass niemand verloren gegangen war.
Doch Maras Stimme wurde leiser. Ihre Flügelschläge wurden kürzer. Schließlich sank sie ein kleines Stück nach unten.
Leni glitt mit der Feder zu ihr. „Mara, du musst nicht warten, bis gar keine Kraft mehr übrig ist.“
„Aber wenn ich nicht vorn bin, wer zeigt dann den Weg?“ Mara blinzelte die Nebeltropfen aus den Augen.
„Vielleicht jemand, der den Weg zusammen mit dir kennt“, sagte Leni.
Tante Ada flog näher. „Ich kenne den Rastsee“, sagte sie. „Und hinter mir fliegt Onkel Juri. Auch er kennt ihn. Danach kommt Nele. Sie übt schon seit dem Frühling.“
„So viele?“, fragte Mara.
„Wir sind ein Zug“, sagte Tante Ada. „Kein einzelner Vogel zieht uns alle.“
Pipo legte den Kopf schief. „Dann ist das V wie ein Lied“, sagte er. „Einer beginnt, aber viele Stimmen tragen es weiter.“
Mara schwieg. Nur der Wind rauschte sanft an ihren Federn vorbei.
„Und wo fliege ich, wenn ich nicht mehr vorn bin?“, fragte sie schließlich.
„Direkt hinter mir“, antwortete Tante Ada. „Dort ist der Wind weicher. Du darfst dich tragen lassen.“
Mara blickte zu Leni. Leni nickte ihr zu.
Da geschah etwas, das für Mara zuerst ganz ungewohnt war. Tante Ada flog von der zweiten Reihe schräg nach vorn. Mara glitt ein wenig zur Seite und dann zurück. Für einen Augenblick sah das V eher wie ein krummes W aus. Einige junge Gänse kicherten. Dann fanden alle ihren neuen Platz.
Tante Ada flog nun an der Spitze.
Mara flog hinter ihr.
Und plötzlich spürte Mara, was die anderen gemeint hatten. Der Wind drückte nicht mehr so fest gegen ihre Brust. Vor ihr teilten Adas breite Flügel die Luft. Mara musste nicht kämpfen. Sie konnte gleichmäßig schlagen: auf, ab, auf, ab.
„Oh“, sagte sie überrascht. „Hier ist es ja viel leichter.“
„Krah-a!“, riefen die Gänse hinter ihr. „Wir sind da! Wir fliegen mit!“
Diesmal hörte Mara jedes Wort.
Auch die graue Wolke wurde dünner. Erst erschien ein heller Fleck, dann ein Stück blauer Himmel, und schließlich flogen alle aus dem Nebel hinaus. Vor ihnen lag der Rastsee.
Er war rund und ruhig. Goldenes Schilf stand an seinem Ufer. Zwischen den Halmen leuchteten kleine Tautropfen, obwohl die Nacht noch gar nicht ganz begonnen hatte. Über dem Wasser hing die erste Sternenspur.
„Der See!“, jubelte Mara.
Sie wollte schon nach vorn sausen, doch Tante Ada blieb noch eine Weile an der Spitze. Mara atmete tief ein. Dann ließ sie die Freude einfach neben sich herfliegen.
Nach einigen Minuten rief Tante Ada: „Wechsel!“
Onkel Juri kam nach vorn. Tante Ada glitt zurück. Später führte Nele den Zug. Ihre ersten Flügelschläge waren ein wenig schief, doch alle blieben ruhig hinter ihr.
„Krah-a!“, rief Mara besonders warm. „Wir sind da! Wir fliegen mit!“
Nele richtete sich auf. Ihr Flügelschlag wurde sicherer.
Leni lächelte. „Dein Ruf hat ihr geholfen.“
Mara staunte. „Ich kann also auch helfen, wenn ich nicht vorn fliege?“
„Natürlich“, piepste Pipo. „Von hinten klingt Mut manchmal besonders schön.“
Nun senkte sich der Gänsezug langsam dem Wasser entgegen. Das V wurde größer, dann breiter, dann löste es sich ganz sanft auf. Eine Gans nach der anderen landete auf dem See. Ihre Füße strichen über das Wasser und malten lange, glitzernde Linien hinein.
Mara landete zuletzt neben Tante Ada. Sie paddelte zum Schilfufer, wo die Halme eine geschützte Bucht bildeten. Dort warteten trockene Grasnester. Einige Gänse steckten sofort die Schnäbel unter ihre Flügel. Andere tranken noch einen kleinen Schluck.
Mara setzte sich in ein Nest, aber sie sah weiter zum Himmel hinauf. „Das V ist weg“, sagte sie leise.
Leni setzte sich neben sie. Die große Einladungsfeder war wieder klein geworden und lag warm in ihrer Hand.
„Es ist nicht weg“, sagte Leni. „Es ruht nur. Morgen wandert es weiter, und dann darf jeder einmal vorn, einmal in der Mitte und einmal hinten sein.“
Mara dachte darüber nach. „Dann gehört kein Platz für immer nur einem.“
„Genau“, sagte Leni. „Aber jeder Platz gehört immer zum Ganzen.“
Pipo hüpfte auf einen Schilfhalm. Er sang ganz leise:
„Einer teilt den Abendwind,
alle fliegen, wie sie sind.
Vorn und hinten, groß und klein,
keiner muss alleine sein.“
Die Gänse öffneten noch einmal die Augen. Einige summten mit. Andere wackelten im Takt mit den Schwanzfedern. Mara kuschelte sich tiefer in ihr Grasnest.
„Morgen möchte ich wieder einmal führen“, murmelte sie. „Aber nicht die ganze Zeit.“
„Das klingt nach einem guten Plan“, sagte Tante Ada.
Der Mond stieg über den Hügel mit den drei Birken. Sein Licht legte sich wie eine silberne Decke auf den Rastsee. Im Wasser spiegelten sich die Sterne. Zwischen den Halmen raschelte der Wind nun so leise, als würde auch er müde werden.
Mara schloss die Augen. Ihr Atem wurde ruhig. Ein, aus. Ein, aus. Ihre Flügel lagen weich an ihrem Körper, und in ihren Träumen wanderte das große V weiter durch einen Himmel voller Honiglicht.
Die Einladungsfeder hob Leni und Pipo noch einmal in die Luft. Sie glitten zurück über die Felder, den silbernen Bach und die kleinen warmen Fenster. Als Leni wieder auf ihrer Fensterbank saß, zog hoch oben eine letzte schmale Wolke vorbei. Für einen Moment sah sie aus wie ein V.
Pipo kuschelte sich in sein rundes Nestkissen. „Weißt du, was mein liebster Platz ist?“, gähnte er.
„Welcher?“, fragte Leni.
„Heute der Platz direkt neben dir.“
Leni deckte ihn mit einem Zipfel ihrer Sternendecke zu. Dann legte sie die silbergraue Feder auf den Nachttisch. Ihr winziger Stern funkelte einmal, zweimal und wurde still.
Draußen wanderte der Abendhimmel langsam in die Nacht. Und irgendwo am goldenen Schilfsee schlief ein ganzes Gänse-V friedlich nebeneinander.
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