Lenis Traumwelt - Geschichten zum Träumen
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Leni sitzt mit ihrem leuchtenden Traumstern, Luna, Fina, Pipo und Bruno im Traumtal vor einem kleinen goldenen Nachtinstrument.

ca. 11 Min. · 1.631 Wörter

Leni und das vergessene Traumlied

Am Abend war es in Lenis Zimmer ganz ruhig.

Die kleine Lampe neben dem Bett leuchtete warm wie ein Honigtropfen. Auf der Decke lagen weiche Schatten. Draußen war der Himmel dunkelblau, und der Mond schaute freundlich durch das Fenster, als wollte er sagen: Bald ist Schlafenszeit.

Leni lag schon eingekuschelt in ihrem Bett. In ihren Händen hielt sie ihren Traumstern.

Der Traumstern war heute besonders warm. Nicht heiß. Nur so warm, dass Lenis Finger ganz gemütlich wurden.

„Gute Nacht, kleiner Traumstern“, flüsterte Leni.

Da blinkte der Stern.

Einmal silbern. Einmal rosa. Einmal goldgelb.

Leni blinzelte. Sie kannte dieses Leuchten inzwischen gut. Wenn ihr Traumstern so leuchtete, dann war irgendwo in der Nacht etwas Kleines passiert. Etwas Leises. Etwas, das Hilfe brauchte.

Plötzlich hörte Leni ein sanftes Klopfen.

Tipp. Tipp. Tipp.

Das Fenster öffnete sich einen winzigen Spalt. Zwei lange Hasenohren schoben sich herein.

„Pssst“, flüsterte Luna. „Leni, bist du noch wach?“

„Ein kleines bisschen“, sagte Leni.

Luna hüpfte auf das Fensterbrett. Sein Fell schimmerte silbrig, als hätte der Mond ihn mit Sternenstaub gebürstet. Hinter ihm flatterte Pipo herein. Der kleine Vogel machte nur ein leises Wusch mit den Flügeln.

„Hallo Leni“, piepste Pipo. „Heute fehlt etwas.“

Leni setzte sich auf. „Was fehlt denn?“

Da schlich Fina, der Fuchs, durch den Fensterspalt. Ihr roter Schweif war weich und buschig, und an seiner Spitze funkelten winzige Sternchen.

„Ein Lied“, sagte Fina.

„Ein Lied?“, fragte Leni.

Von draußen kam ein freundliches Brummen. Bruno, der Bär, stand im Garten und winkte mit seiner großen Tatze.

„Ein sehr wichtiges Lied“, sagte Bruno. „Ein Traumlied.“

Leni schaute auf ihren Traumstern. Der Stern leuchtete sanft blau.

„Wer hat das Lied verloren?“, fragte sie.

Luna legte die Ohren weich nach hinten. „Im Traumtal lebt ein kleines Nachtinstrument. Es heißt Schlummerklang. Jeden Abend spielt es ein Lied für die Kuschelträume. Aber heute hat es sein Lied vergessen.“

Pipo nickte aufgeregt. „Es sitzt ganz still auf einem Mooskissen und weiß nicht mehr, wie das Lied anfängt.“

„Und ohne Traumlied?“, fragte Leni.

Fina antwortete leise: „Dann werden die Kuschelträume nicht weich genug.“

Bruno brummte besorgt. „Sie pieksen nicht. Aber sie sind ein bisschen krumm. Und krumme Träume können schlecht in kleine Kinderkissen schlüpfen.“

Leni drückte ihren Traumstern an sich. „Dann müssen wir dem Schlummerklang helfen.“

„Genau“, sagte Luna.

Der Traumstern schwebte aus Lenis Händen. Er drehte sich langsam im Kreis. Sein Licht wurde größer und runder, bis vor dem Fenster eine kleine Sternenschaukel hing.

Leni zog ihre Kuschelsocken an und nahm ihren Teddy mit. Dann stieg sie vorsichtig in die Sternenschaukel.

Luna hüpfte neben sie. Fina rollte ihren Schweif ordentlich um die Pfoten. Pipo setzte sich auf den oberen Sternenzacken. Bruno kletterte langsam hinein.

Die Sternenschaukel wackelte ein bisschen.

„Hoppla“, brummte Bruno.

Leni kicherte.

„Alle bereit?“, fragte Luna.

„Bereit“, sagte Leni. „Bereit“, sagte Fina. „Piep-bereit“, piepste Pipo. „Bärenbereit“, brummte Bruno.

Da hob der Traumstern die Schaukel in die Nacht.

Ganz langsam. Ganz leise.

Sie flogen über Lenis Garten, über schlafende Häuser und über Baumspitzen, die im Mondlicht silbern glänzten. Der Wind strich so sanft über Lenis Wangen, als würde jemand mit einer Feder Gute Nacht sagen.

Vor ihnen öffnete sich zwischen zwei Wolken ein kleiner Weg aus blauem Licht.

„Das ist der Weg ins Traumtal“, flüsterte Fina.

Leni schaute staunend nach unten. Das Traumtal lag weich zwischen den Sternen. Es sah aus wie eine kleine Wiese aus Nachtblau und Mondgrün. Überall wuchsen Blumen, deren Blüten wie winzige Kissen aussahen. An den Gräsern hingen Tropfen aus Sternenlicht. Und mitten im Tal stand ein runder Hügel mit einem Mooskissen darauf.

Auf dem Mooskissen saß das Nachtinstrument.

Es war klein und freundlich. Es sah ein bisschen aus wie eine Harfe und ein bisschen wie eine Wiege. Es hatte goldene Saiten, einen runden Bauch aus Mondholz und zwei kleine Füßchen. Oben an seinem Griff hing eine blaue Schleife.

Doch seine Saiten hingen traurig herunter.

„Hallo“, sagte Leni sanft.

Das Nachtinstrument hob seinen kleinen Griff. „Hallo“, flüsterte es. „Ich bin Schlummerklang.“

„Wir sind gekommen, um dir zu helfen“, sagte Luna.

Schlummerklang seufzte. Es klang wie ein ganz leiser Wind in einem Kissen.

„Ich weiß mein Lied nicht mehr“, sagte es. „Jeden Abend spiele ich es. Erst macht es summ. Dann macht es ling. Dann macht es schlaf-schlaf-schwing. Aber heute ist alles durcheinander.“

Pipo flatterte näher. „Vielleicht kann ich dir etwas vorsingen.“

Er öffnete den Schnabel und piepste:

„Piep, piep, piep.“

Das war sehr lieb. Aber Schlummerklang schüttelte traurig den Griff.

„Das ist ein schönes Vogellied“, sagte es. „Aber es ist nicht mein Traumlied.“

Fina setzte sich neben das Mooskissen. „Vielleicht müssen wir suchen, wo du dein Lied zuletzt gehört hast.“

„Bei den Traumblumen“, sagte Schlummerklang. „Ich habe für sie gespielt. Dann kam eine kleine Schlafwolke vorbei. Danach wusste ich den Anfang nicht mehr.“

„Dann gehen wir zu den Traumblumen“, sagte Leni.

Alle liefen über die weiche Wiese. Bruno ging ganz langsam, damit keine Blume erschrak. Pipo flatterte über ihnen und hielt Ausschau. Fina schnupperte am Boden. Luna hüpfte neben Leni.

Die Traumblumen standen in einem Kreis. Jede Blume hatte eine andere Farbe. Eine war rosa wie ein Gute-Nacht-Kuss. Eine war blau wie der Abendhimmel. Eine war gelb wie ein kleines Licht im Fenster.

„Habt ihr das Traumlied gesehen?“, fragte Leni.

Die Blumen raschelten leise.

„Wir haben nur den ersten Ton gehört“, flüsterten sie.

„Wie klang er?“, fragte Luna.

Die rosa Blume wackelte. „So weich wie ein Kuschelkissen.“

Die blaue Blume nickte. „So ruhig wie ein schlafender See.“

Die gelbe Blume lächelte. „So warm wie eine Hand, die sagt: Ich bin da.“

Leni dachte nach. „Vielleicht ist der erste Ton kein Ton für die Ohren“, sagte sie. „Vielleicht ist er ein Gefühl.“

Schlummerklang schaute sie an. „Ein Gefühl?“

Leni nickte. „Wenn Mama oder Papa Gute Nacht sagen, dann ist das auch nicht nur ein Wort. Es ist warm im Herzen.“

Schlummerklang zupfte vorsichtig an einer Saite.

Summ.

Der Ton war klein. Aber er war weich.

„Das war schön!“, piepste Pipo.

Doch Schlummerklang sah noch unsicher aus. „Aber danach kommt etwas.“

Fina hob die Nase. „Ich rieche Mondstaub. Die Schlafwolke ist hier entlanggezogen.“

Sie folgten einer Spur aus silbernen Krümeln. Die Spur führte zu einem kleinen Wolkenbusch. Darin saß eine Schlafwolke. Sie war rund und flauschig und sah aus, als hätte sie eben selbst gegähnt.

„Entschuldigung“, sagte Leni. „Hast du vielleicht ein Stück vom Traumlied mitgenommen?“

Die Schlafwolke blinzelte. „Oh“, sagte sie. „Das kann sein. Ich war so müde und habe mich an das Lied gekuschelt.“

Sie schüttelte sich ganz sanft.

Aus ihrer Wolkenwolle fiel ein kleiner Klang.

Ling.

Er glitzerte wie ein Tropfen Mondlicht.

Schlummerklang machte große Augen. „Das ist der zweite Ton!“

Summ. Ling.

Die beiden Töne schwebten nebeneinander.

Bruno lächelte. „Jetzt fehlt noch schlaf-schlaf-schwing.“

„Wo könnte das sein?“, fragte Pipo.

Da hörten sie ein leises Murmeln.

Hinter einem Stein aus Sternenstaub lag ein kleiner Traum. Er war noch nicht fertig. Er sah aus wie ein winziges blaues Kissen mit Beinen.

„Ich wollte schlafen“, murmelte der kleine Traum. „Aber mir fehlt die Wiegung.“

„Die Wiegung?“, fragte Leni.

Der kleine Traum nickte. „Das Hin und Her. Das macht schlaf-schlaf-schwing.“

Leni setzte sich auf die Wiese. Sie nahm ihren Teddy in den Arm und wiegte ihn ganz langsam.

Hin. Her. Hin. Her.

„So?“, fragte sie.

Der kleine Traum seufzte zufrieden. „Genau so.“

Luna wiegte seine Ohren. Fina wiegte ihren Schweif. Pipo wiegte seine Flügel. Bruno wiegte seine großen Tatzen.

Und Schlummerklang zupfte an seinen Saiten.

Summ. Ling. Schlaf-schlaf-schwing.

Der Ton wurde weich. Dann wärmer. Dann heller.

Plötzlich leuchteten die Traumblumen. Die Schlafwolke rollte sich gemütlich zusammen. Der kleine blaue Traum wurde rund und kuschelig.

Schlummerklang spielte weiter.

Summ. Ling. Schlaf-schlaf-schwing.

Das Lied war wieder da.

Es war nicht laut. Es war nicht schnell. Es war ein Lied, das sich in Kissen legte. Ein Lied, das Decken glattstrich. Ein Lied, das müde Augen ganz freundlich zumachte.

Leni lauschte. Ihr Kopf wurde schwer. Ihre Hände wurden ruhig.

„Das ist ein schönes Lied“, flüsterte sie.

„Du hast mir geholfen, es wiederzufinden“, sagte Schlummerklang.

„Wir alle“, sagte Leni.

Bruno nickte. „Zusammen findet man vieles leichter.“

Fina lächelte. „Besonders, wenn man leise sucht.“

Pipo gähnte. „Und wenn man schön piept.“

Luna lachte leise. „Ja, Pipo. Auch dann.“

Schlummerklang spielte ein letztes Mal.

Summ. Ling. Schlaf-schlaf-schwing.

Da stiegen kleine Kuschelträume aus den Traumblumen. Sie waren rund, weich und hell. Einer sah aus wie ein Lämmchen. Einer wie ein Sternenkissen. Einer wie ein winziger blauer Ballon.

Sie schwebten in die Nacht hinaus. Zu den Häusern. Zu den Kinderzimmern. Zu den Kuscheltieren. Zu allen müden Herzen.

Der Traumstern begann sanft zu leuchten.

„Es ist Zeit nach Hause zu fliegen“, sagte Luna.

Leni nickte müde. „Ja.“

Sie verabschiedeten sich von Schlummerklang, von den Traumblumen, von der Schlafwolke und von dem kleinen blauen Traum.

Dann stiegen sie wieder in die Sternenschaukel.

Der Heimweg war ganz still. Unter ihnen glitten die Dächer vorbei. Über ihnen funkelten die Sterne. Neben Leni summte Bruno leise:

„Summ. Ling. Schlaf-schlaf-schwing.“

Pipo war schon fast eingeschlafen. Fina hatte die Augen halb geschlossen. Luna legte eine Pfote auf Lenis Hand.

„Du hast das gut gemacht“, flüsterte er.

Leni lächelte. „Das Lied war im Herzen“, murmelte sie.

Als die Sternenschaukel vor Lenis Fenster hielt, war ihr Bett noch warm. Leni kletterte hinein, legte den Teddy neben sich und nahm den Traumstern in beide Hände.

Luna winkte vom Fensterbrett. Fina nickte freundlich. Pipo hob müde einen Flügel. Bruno brummte leise: „Gute Nacht.“

„Gute Nacht“, flüsterte Leni.

Das Fenster schloss sich sanft.

Draußen funkelte der Mond. Drinnen kuschelte sich Leni tief in ihre Decke.

Der Traumstern blinkte einmal.

Summ.

Dann noch einmal.

Ling.

Und dann wurde sein Licht ganz weich.

Schlaf-schlaf-schwing.

Leni lächelte im Halbschlaf.

Und schon kam ein Kuscheltraum zu ihr. Rund. Warm. Ganz leise.

So schlief Leni ein.