Lenis Traumwelt
Leni, Bruno und der kleine Igel Nilo sitzen bei warmem Laternenlicht vor einem runden Distelhaus und zeigen sich freundliche Gutenachtzeichen.

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Leni und das Gutenachtzeichen im Distelhaus

An diesem Abend saß Leni schon im Bett und kämmte mit den Fingern durch Teddys weiches Fell.

„Gute Nacht, Teddy“, flüsterte sie und drückte ihre Nase ganz sanft an seine.

Das war ihr besonderes Zeichen. Kein lauter Gruß und kein großer Wirbel. Nur ein kleiner Nasenstups, der sagte: Ich hab dich lieb. Schlaf gut.

Da raschelte etwas am Fenster.

Risch, rasch, risch.

Auf dem Fensterbrett lag ein rundes, silbriges Blatt. Es war so leicht, dass es bei jedem Atemzug wackelte. In seine Mitte waren drei winzige Bilder gepiekst: ein Haus, eine Pfote und ein Fragezeichen.

Leni nahm das Blatt vorsichtig hoch.

„Jemand weiß nicht, wie man gute Nacht sagt“, murmelte sie.

Im selben Moment leuchtete ihr Traumstern warm auf. Vor dem Fenster schwebte eine breite Wolke, und darauf saß Bruno. Der Sternenbär trug seine lila Mütze und einen Schal mit kleinen goldenen Sternen.

„Das Blatt kommt aus dem Distelhaus“, erklärte Bruno. „Dort wartet Nilo. Heute kommen zum ersten Mal Gäste zu seinem Abendkreis. Aber er hat ein stacheliges Problem.“

Leni schlüpfte in ihre Sternenpantoffeln, nahm den Traumstern und kletterte zu Bruno auf die Wolke.

„Dann schauen wir es uns an“, sagte sie.

Die Wolke glitt über die Dächer. Bald lagen die Häuser hinter ihnen, und unter ihnen begann eine stille Wiese. Das Gras glänzte im Mondlicht. Zwischen den Halmen schwebten weiße Distelflocken wie winzige Federkissen.

Mitten auf der Wiese stand das Distelhaus.

Es war rund und gemütlich. Seine Wände bestanden aus geflochtenen Grashalmen. Das Dach sah aus wie eine weiche, silberne Distelblüte. In den Fenstern brannten kleine bernsteinfarbene Lichter.

Vor der Tür lief ein kleiner Igel hin und her.

Tipp, tapp, tipp, tapp.

Er trug eine fliederfarbene Weste. Auf seinen Stacheln hingen drei Distelflocken und ein winziger Zweig.

„Nilo?“, fragte Leni.

Der Igel blieb stehen. „Ihr seid gekommen!“

Er wollte auf Leni zulaufen. Nach zwei Schritten bremste er und schaute auf seine Stacheln.

„Ich würde euch gern umarmen“, sagte er leise. „Aber ich piekse.“

Bruno setzte sich auf den weichen Boden. „Ich freue mich auch ohne Umarmung, dich zu sehen.“

Er hob eine große Tatze und winkte langsam.

Nilo hob seine kleine Pfote und winkte zurück.

„Das fühlt sich freundlich an“, staunte er.

„Es gibt viele Arten, freundlich zu sein“, sagte Leni.

Im Distelhaus war alles für den Abendkreis vorbereitet. Auf dem Boden lag eine runde Decke aus grünen, violetten und goldenen Stoffstücken. Darauf standen Becher mit warmer Birnenmilch. An der Wand hingen Schlafmützen für die Gäste.

Doch Nilo sah noch immer besorgt aus.

„Bei uns Igeln gehört zum Abendkreis ein Gutenachtzeichen“, erklärte er. „Damit sagt der Gastgeber jedem Gast: Schön, dass du da bist. Schlaf später gut.“

„Das ist eine liebe Idee“, sagte Leni.

Nilo nickte. „Aber alle Gutenachtzeichen in meinem alten Igelbuch sind Umarmungen. Stachelige Umarmungen. Sehr stachelige Umarmungen.“

Er zeigte auf ein dickes Buch. Auf dem Einband umarmten sich zwei Igel und verzogen dabei das Gesicht.

Bruno blinzelte. „Vielleicht braucht das Buch eine neue Seite.“

Da klopfte es an der Tür.

Tok, tok.

Nilos erste Gästin war die Feldmaus Milla. Sie trug eine rote Schlafmütze und hielt ein Körbchen mit Haferkringeln.

„Willkommen!“, rief Nilo. Dann breitete er vorsichtig die Arme aus.

Milla blieb stehen und zog die Pfötchen an die Brust.

„Ich mag heute lieber keine Umarmung“, sagte sie so leise, dass es fast im Rascheln der Wiese verschwand.

Nilos Ohren sanken herab. „Oh. Dann habe ich dich nicht richtig willkommen geheißen.“

Leni kniete sich neben ihn. „Milla hat nur gesagt, was sich heute für sie gut anfühlt. Wir können sie fragen, welches Zeichen sie mag.“

Nilo atmete tief ein. „Milla, wie möchtest du begrüßt werden?“

Die Feldmaus dachte kurz nach. Dann hob sie beide Pfötchen und wackelte mit den Fingern.

„Mit einem Funkelwink.“

Nilo wackelte ebenfalls mit den Pfotenfingern.

Funkel, funkel.

Milla lächelte. „Schön, bei dir zu sein.“

Leni malte mit einem Stück Kreide zwei winkende Pfoten auf eine runde Schiefertafel.

„Unser erstes Gutenachtzeichen“, sagte sie.

Wieder klopfte es.

Tipp-tipp-tipp.

Vor der Tür stand Bobo, ein kleiner Frosch mit einem moosgrünen Kissen unter dem Arm.

„Wie möchtest du begrüßt werden?“, fragte Nilo diesmal gleich.

Bobo strahlte. „Mit einem Hüpfer! Aber nicht zu hoch. Mein Kissen ist schon müde.“

Nilo und Bobo gingen ein wenig in die Knie.

Hopp.

Nur einen Fingerbreit hüpften sie hoch. Das Kissen blieb sicher in Bobos Armen.

Leni zeichnete zwei kleine Sprungbögen auf die Tafel.

Als Nächstes kam die Schnecke Selma. Sie war sehr langsam und sah sehr zufrieden aus.

„Ich möchte einfach neben dir sitzen“, sagte sie.

Also setzten sich Nilo und Selma für einen stillen Moment auf die Türschwelle. Sie schauten zu, wie eine Distelflocke durch die Luft segelte.

Leni zeichnete zwei Punkte nebeneinander.

Dann kam ein junger Dachs namens Jori. Er wünschte sich einen kräftigen Pfotengruß.

Patsch.

Milla wollte zum Abschied wieder ihren Funkelwink. Bobo entschied sich plötzlich gegen den Hüpfer und für ein kleines Kopfnicken.

„Darf man sein Zeichen ändern?“, fragte er.

„Natürlich“, sagte Nilo. „Du darfst immer neu sagen, was sich gut anfühlt.“

Während die Gäste Birnenmilch tranken und Haferkringel knabberten, füllte sich die Schiefertafel: ein Wink, ein Hüpfer, zwei Punkte, ein Pfotenabdruck und ein nickender Kopf.

Nilo betrachtete all die Bilder. Seine Augen glänzten. Trotzdem seufzte er.

„Für jeden haben wir ein Zeichen gefunden. Nur für mich nicht.“

„Welches Zeichen wünschst du dir?“, fragte Bruno.

Nilo schaute auf seine Pfoten. „Eigentlich hätte ich gern etwas, das sich ein bisschen wie Kuscheln anfühlt. Aber niemand soll sich an meinen Stacheln pieksen.“

Alle wurden still und dachten nach.

Milla legte den Kopf schief. Bobo drückte sein Kissen. Selma schob sich einen halben Schneckenschritt vor. Jori kratzte sich am Ohr.

Da nahm Bruno seinen langen Sternenschal ab.

„Wir müssen uns nicht direkt umarmen“, sagte er. „Vielleicht kann etwas Weiches zwischen uns liegen.“

Er legte den Schal in einem großen Kreis auf die Decke. Jedes Ende hielt er in einer Tatze.

Leni setzte sich an eine Seite des Kreises. Nilo setzte sich ihr gegenüber. Die anderen Gäste fanden ringsum einen Platz. Alle hielten den weichen Schal fest, ohne einander zu berühren.

Bruno zog ganz sanft.

Der Schal schmiegte sich an ihre Hände und Pfoten. Der Kreis wurde warm. Er hielt alle zusammen und ließ trotzdem für jeden genug Platz.

Nilo schloss für einen Moment die Augen.

„Das ist es“, flüsterte er. „Ein Schal-Kreis.“

„Fühlt es sich für alle gut an?“, fragte Leni.

Milla nickte. Bobo nickte. Selma nickte sehr langsam. Jori nickte zweimal.

Nilo strahlte so sehr, dass seine drei Distelflocken von den Stacheln hüpften.

Leni zeichnete einen großen Kreis in die Mitte der Tafel.

Nun begann der Abendkreis.

Pipo war nicht dabei, doch draußen sang ein unbekannter Nachtvogel drei leise Töne. Die Distelblüte auf dem Dach raschelte dazu. Bruno summte tief und ruhig. Niemand musste besonders laut sein. Niemand musste dasselbe tun wie die anderen.

Als die Birnenmilch ausgetrunken war, wurden die Gäste müde.

Nilo stellte sich an die Tür. Neben ihm hing die Tafel mit allen Zeichen.

„Milla, welches Gutenachtzeichen möchtest du jetzt?“

„Den Funkelwink.“

Ihre Pfoten glitzerten in der Luft.

„Bobo?“

„Nur ein Nicken.“

Sie nickten einander zu.

„Selma?“

„Einen stillen Augenblick.“

Sie betrachteten gemeinsam den Mond.

„Jori?“

„Pfotengruß!“

Patsch.

Dann waren Leni und Bruno an der Reihe.

„Was möchtet ihr?“, fragte Nilo.

Leni deutete auf den großen Kreis. „Noch einmal den Schal-Kreis.“

Sie setzten sich zu dritt auf die Decke. Bruno legte den Schal rund um sie. Jede und jeder hielt ein Stück davon fest.

Nilo spürte die Wärme des Stoffes. Er spürte Bruno auf der einen Seite und Leni auf der anderen. Niemand wurde gepiekst. Niemand musste näher rücken. Und doch waren sie miteinander verbunden.

„Schön, dass ihr da wart“, sagte Nilo.

„Schön, dass es dich gibt“, sagte Leni.

Bruno lächelte sein besonders warmes Bärenlächeln.

Bevor sie gingen, klebte Nilo eine leere, runde Schiefertafel neben die Tür.

„Warum bleibt sie leer?“, fragte Leni.

„Für neue Zeichen“, antwortete Nilo. „Und für Zeichen, die sich morgen anders anfühlen.“

Draußen wartete die Wolke. Leni kuschelte sich an Brunos weiche Seite, nachdem sie gefragt hatte: „Magst du?“

„Sehr gern“, brummte Bruno.

Die Wolke trug sie über die stille Wiese zurück. Unter ihnen glomm das Distelhaus wie eine kleine Laterne. Vor seiner Tür schimmerte die Tafel mit all den Gutenachtzeichen.

Winken. Hüpfen. Sitzen. Nicken. Pfotengruß. Schal-Kreis.

Jedes Zeichen war anders.

Jedes konnte freundlich sein.

Wieder in ihrem Zimmer schlüpfte Leni unter die Decke. Teddy wartete schon.

„Magst du unseren Nasenstups?“, fragte sie.

Teddy sagte nichts. Aber seine weiche Nase war genau dort, wo sie immer war.

Leni stupste sie sanft an.

Draußen strich der Wind durch die Disteln.

Risch, rasch, risch.

Vielleicht winkte irgendwo eine kleine Pfote. Vielleicht nickte ein müder Frosch. Vielleicht saß eine Schnecke still im Mondlicht. Und vielleicht hielt ein kleiner Igel einen weichen Schal und wusste nun ganz genau:

Ein liebes Gutenachtzeichen ist nicht für alle gleich.

Es ist das Zeichen, bei dem beide Herzen ruhig sagen können: Ja, so fühlt es sich gut an.

Leni schloss die Augen.

Ihr Traumstern glomm warm auf dem Nachttisch.

Und im Distelhaus schlief Nilo unter einem Dach aus silbernen Flocken ein.

Ganz sicher.

Ganz freundlich.

Und auf seine eigene, weiche Art geborgen.

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Gute-Nacht-Geschichten für kleine Träumer

Lenis Traumwelt sammelt liebevolle Gute-Nacht-Geschichten für Kinder von etwa 2 bis 6 Jahren. Die Vorlesegeschichten sind warm, langsam und kindgerecht erzählt, damit sie gut ins Abendritual passen: zum gemeinsamen Kuscheln, zum Runterkommen nach einem langen Tag und für kleine Kinder, die vor dem Schlafen noch eine freundliche Traumreise erleben möchten.

Jede Geschichte begleitet Leni, ihren Traumstern und die Tierfreunde Luna, Fina, Pipo und Bruno auf eine ruhige Reise voller Sternenlicht, Freundschaft und sanfter Einschlafmomente. Wer gezielt stöbern möchte, findet thematische Sammlungen wie Geschichten mit Tieren, Weltreise-Geschichten und kurze Einschlafgeschichten.

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